(M)Ein Tag in China

In diesen zwei Wochen habe ich mental so viele Themen festgehalten, dass meine Finger die Tastatur zum Glühen bringen könnten.

Da sind die Freundlichkeit und das Lachen der Chinesen, der Smog und der Husten, die Studenten und das Lehren an der Uni, die allgegenwärtige Überwachung, der unvorstellbare Plastikkonsum, die Situation von Expatriates in China und und und.

Aber alles zu seiner Zeit. Heute möchte ich zu Beginn und als Antwort auf die vielen Wie ist China sooo?-Fragen einen kleinen Einblick in meinen (All)Tag in Qingdao gewähren.

Es ist Montag, 7 Uhr morgens, als der Wecker klingelt. Ich stehe auf und äuge zwischen den Vorhängen hindurch. Auf der Straße schlurfen die ersten Studenten über den Campus, der Wind weht um die Ecken und rechts am Horizont kann ich Qingdaos Hausberg Fushan sehen. Der Fushan, groß und klar steht er da – das bedeutet: Heute kein Smog! Ich reiße das Fenster auf und koche mir Kaffee.

Der Unterricht beginnt um 8 Uhr. Um fünf vor acht schließe ich gemütlich meine Wohnungstüre. Das Klassenzimmer ist auf dem gleichen Stockwerk, circa 50 Schritte entfernt. Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz schwer möglich. Äußerst praktisch jedoch, wenn Material Zuhause liegen bleibt.

Als ich kurz vor 8 Uhr den Klassenraum betrete, sitzen alle Studenten schon auf ihren Plätzen und begrüßen mich im Chor mit Guten Morgen. Ich fühle mich in die Grundschule zurückversetzt, während mich 23 Augenpaare gespannt anschauen. Der 24. Schüler blickt stattdessen auf sein Frühstück und schiebt es sich noch schnell in den Mund, bevor wir anfangen.

Dieses Semester unterrichte ich Deutsch in zwei Klassen (München und Ilmenau). Im Juli schreiben sie die TestDaf-Prüfung, eine offizielle Deutschprüfung für Fortgeschrittene und meist auch die Voraussetzung, um an einer deutschen Hochschule studieren zu können. Die Mehrheit der Schüler sitzt deshalb ein wenig angespannt und nervös im Unterricht. Ob sie am Ende einen der begehrten Studienplätze an den deutschen Partneruniversitäten ergattern, hängt bei vielen auch vom Ergebnis der TestDaF-Prüfung ab.

Dabei ist die Prüfung gar nicht so ohne und die Studenten haben eine sehr straffe Zeitplanung: Sie sollen in dreieinhalb Semestern neben ihrem eigentlichen Studium in Chemie und Elektrotechnik zusätzlich Deutsch auf B2 Niveau erwerben. Ein voller Stundenplan, der täglich um 7 Uhr morgens beginnt und abends um 17.50 Uhr endet. Jetzt in ihrem dritten Semester wird deutlich, dass einige Studierende mit den hohen Anforderungen zu kämpfen haben. Aber dazu ein anderes Mal.

Um 10 Uhr ist mein Vormittagsunterricht zu Ende und ich husche hungrig die 50 Meter zurück in meine Wohnung. Zum Frühstück gibt es bei vielen Chinesen heiße Nudelsuppe oder Pasteten. Danach steht mir als traditioneller Frühstücksdeutschen allerdings nicht der Sinn. Ich setze den zweiten Kaffee auf und mache mir ein Marmeladenbrot, vollkörnig und mit Nüssen, dazu einen Joghurt und Obst. Gutes Brot gibt es zu meiner allergrößten Begeisterung in verschiedenen Varianten und in mehreren Läden. Und auch sonst brauche ich hier nicht um die Befriedigung meiner westlichen Essgepflogenheiten zu bangen, es gibt eine große Auswahl an internationalen Produkten, sogar der französische Supermarkt Carrefour hat sich in Qingdao niedergelassen.



Ich schlürfe (nach chinesischer Tischsitte) meinen deutschen Kaffee und nutze die Zeit bis zum Nachmittagsunterricht, indem ich Materialien vorbereite. Diese Woche behandeln wir das Thema Freundschaft. Da könnte ich doch einen animierten Kurzfilm auf YouTube zeigen, um die Schüler visuell zu motivieren. Doch als ich die Adresse in den Browser eintippe, bleibt mein Bildschirm schwarz. Ach ja, ich hatte es schon erwähnt: YouTube und andere soziale Netzwerke aus Amerika, neuerdings auch die Deutsche Welle werden in China blockiert. Als Lehrer muss man hier umdenken. Und kreativer werden.

Insgesamt kann ich mich aber nicht beklagen, denn: Ich habe nur vier Unterrichtsstunden pro Tag – ein ungeheurer Luxus, den ich vorerst nicht missen möchte. Jetzt erkenne ich auch immer mehr, wie viel ich in Mexiko gearbeitet habe und wie wenig Zeit für das Leben außerhalb des Unterrichts blieb. Am Ende der fast eineinhalb Jahre dort habe ich nicht so viel vom Land kennengelernt, wie ich es mir gewünscht hätte. Und damit war ich nicht allein. In Mexiko arbeiten viele Menschen (Lehrer und in anderen Berufen) auch am Wochenende und schieben Überstunden. Und das alles ohne guten Lohn, ohne großen Dank und ohne wesentliche Aufstiegschancen. Wahrscheinlich zeigt sich dieses Bild auch in vielen anderen Ländern dieser Welt, wenn man genauer hinsieht.

Deshalb bin ich nun umso dankbarer, meine Zeit nach dem Nachmittagsunterricht für einen Strandspaziergang nutzen zu können. Noch nie zuvor habe ich in einer Stadt am Strand gelebt und jedes Mal, wenn ich vor dem Meer stehe fühle ich mich wie ein Kind, dass im Urlaub die Sandförmchen auspackt. So schön hätte ich mir die chinesische Küste auch in kühnsten Träumen nicht vorgestellt. Fast wie Mexiko. Nur die Palmen und die Kokosnuss fehlen 😊




Ein einladender Weg schlängelt sich am Meeresufer entlang, werktags stößt man nur vereinzelt auf Spaziergänger, ein paar Fischerboote, die zum nächsten Fang ablegen und Familien, die Drachen steigen lassen.  Die Frühlingssonne wärmt meine Nasenspitze und der Duft von blühenden Magnolien liegt in der Luft.

Nach einem ausgedehnten Spaziergang und kurzen Halt bei einer chinesischen Kaffeekette geht es mit dem Bus zurück auf den Campus. (Kurz angemerkt: Eine Busfahrt – egal welcher Länge, kostet hier circa 10 Cent. Der MVV in München kann sich da gern eine Scheibe abschneiden.)

Nach 15 Minuten Fahrzeit lässt mich der Bus vor der Universität raus. Diese gibt sich nach Sonnenuntergang außergewöhnlich ruhig. Gegen 18 Uhr (die typische Abendessenszeit hierzulande) ist die Mensa noch gut gefüllt, danach wird es auch hier leerer. Das einzige Geräusch, dass man jetzt vernehmen kann, ist das Prellen der Bälle auf den Basketballplätzen. Partys, wie ich sie aus früheren Zeiten in Wohnheimen wie der StuSta in München kenne, gibt es hier bislang keine. Bei näherem Betrachten wird auch klar, wieso: Die Wohnheime sind geschlechtergetrennt und um 22.30 Uhr ist dort Sperrstunde. Wer dann nicht zu Hause ist, muss draußen oder in einem Hotel schlafen.

Ich selbst spüre nun auch die Müdigkeit in Kopf und Körper. Obwohl ich vergleichsweise wenig im Klassenzimmer stehe, vergeht die Zeit dennoch wie im Flug. All die neuen Eindrücke, die Sprache, die Umgebung. Manchmal muss ich mich kurz hinsetzten und mich daran erinnern, wo ich bin.

So nimmt mein Tag in China gegen 22 Uhr ein nicht allzu spätes Ende. Verrückt, wenn ich bedenke, dass ich noch vor kurzem in Mexiko zur gleichen Zeit zu Abend gegessen habe. So ändern sich die Dinge, die Orte und die Gewohnheiten. Und ich bin froh, immer wieder Mut für Neues zu finden.

PS: China lässt einem gar keine andere Möglichkeit, als etwas Neues auszuprobieren und ins kalte Wasser zu springen. Hier bei der Getränkewahl.

Ein Kommentar zu “(M)Ein Tag in China

  1. Liebe Eva, so wunderbar wie du erzaehlst und danke fuer’s teilhaben lassen. Ich freue mich fuer dich, dass du Zeit und musse hast das Land zu erfahren und nicht nur erschoepft bist vom Arbeiten. China scheint „viel besser“ zu sein als irgendetwas was in meiner Vorstellung herumschwebt und ich bin froh, dass sich das etwas lichtet und richtet. Weiterhin gutes Abenteuer!

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