Noch einmal Student sein …

… oder „Probieren geht über Studieren“

Während ich am heutigen Samstag hier an meinem Schreibtisch sitze, diesen neuen Eintrag eintippe und die Frühlings-Sonnenstrahlen zum Fenster hereinfallen, sitzt ein Großteil meiner Studenten ein paar Kilometer weiter im Prüfungsraum und schreibt zum ersten Mal die viel gefürchtete TestDaF-Prüfung.

TestDaF (DaF = Deutsch als Fremdsprache) ist eine offiziell anerkannte Prüfung und testet das Sprachniveau von Deutschlernern. Dabei wird in drei Niveaustufen unterteilt: TDN 3, TDN 4 und TDN 5. Um sich beispielsweise als nicht-Muttersprachler an einer deutschen Hochschule einschreiben zu können, muss man (bei den meisten Universitäten) Deutschkenntnisse auf TDN 4 nachweisen. Im Klartext: Wer in Deutschland studieren möchte, muss TestDaF auf der Niveaustufe 4 in allen vier Fertigkeiten Lesen, Hören, Schreiben und Sprachen bestehen.

Diese Niveaustufe erreicht man normalerweise nach 700-1000 Stunden Deutschunterricht und ab einem B2-Niveau auf dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen (GER). Folgendes sollte dann u.a. zutreffen: Der Schüler

  • kann die Hauptinhalte komplexer Texte zu konkreten und abstrakten Themen verstehen;
  • kann sich spontan und fließend verständigen;
  • kann einen Standpunkt zu einer aktuellen Frage erläutern und die Vor- und Nachteile angeben.

Ein Deutschlerner mit B2-Niveau sollte also dazu imstande sein, Vorlesungen und Seminare an einer Universität auf sprachlicher Ebene verstehen zu können. Durch den Nachweis des Deutschniveaus will man vermeiden, dass der Student in Deutschland sprachlich überfordert wird und deshalb das Studium nach kurzer Zeit wieder abbricht.

Nach drei Semestern Deutsch an meiner Fakultät in China haben die Studierenden im Durchschnitt (ein mehr oder weniger gutes) B1-Niveau. B1 liegt unter B2, das heißt, ihnen fehlt theoretisch ein ganzes Niveau, um Stufe 4 von TestDaF zu erreichen.

Bücher für B2, zu diesem Zeitpunkt noch unberührt

Rational betrachtet ist es demnach noch zu früh, um die Prüfung abzulegen. Und auch der offizielle, vom Studienplan vorgesehene Prüfungstermin ist erst im Juli, also in vier Monaten. Viele Studenten haben noch wenig Ahnung von dem Prüfungsformat und keine große Chance, irgendwie zu bestehen. Und dennoch haben sich heute schätzungsweise 70 Prozent meiner Schüler für die schwierige und auch teure Prüfung angemeldet.

Warum? Das macht doch keinen Sinn! Wenn ich erst einmal auf Skiern gestanden bin, nehme ich auch noch nicht an einem Skischanzenturnier teil.


Je mehr ich nachforsche und beobachte, desto größer wird mein Erstaunen. Und ich beginne langsam zu verstehen, wie groß der Leistungsdruck, von dem ich schon das letzte Mal berichtet habe, wirklich ist. Und wie hart manche Schüler dafür arbeiten, den hohen Erwartungen von Uni und Eltern zu entsprechen.

Wenn mein Wecker um sieben Uhr morgens klingelt, sitzen die ersten Studierenden schon nebenan im Klassenzimmer und wiederholen den Lernstoff des Vortages. Denn sie wissen, eine Stunde später beginnt ein weiterer Lerntag mit sechs bis acht Unterrichtsstunden. Neben dem Deutschkurs warten ab dem zweiten Studienjahr auch Fächer wie Mathematik, Physik, Elektrotechnik, Maschinenbau und Chemie auf sie. Mehr als 12 bis 14 Stunden im gleichen Gebäude, mit den gleichen sich wiederholenden Abläufen, auf den gleichen harten Holzstühlen.

Doch Beschwerden höre ich bislang keine. Der ein oder andere hält in der Pause ein kleines Nickerchen auf seinem Platz und gähnt mich mit weit aufgerissenem Mund an. Dennoch arbeitet die Mehrheit konzentriert mit.

Wenn ich da an meine Schul- und Studienzeit denke, sehe ich ein ganz anderes Bild. In Romanistik und Germanistik hatten wir damals circa 20-25 Wochenstunden, Freitag oft gar keine Vorlesung. Und trotzdem machten wir öfter mal blau, jammerten in der Prüfungsphase und schoben Hausarbeiten vor uns her. Ganz zu schweigen von der Schulzeit, in der der Unterricht spätestens um drei Uhr nachmittags endete und uns die Nachmittage frei zur Verfügung standen. In China haben schon viele Schüler in der Oberstufe einen 12-Stundentag. Und auch an unserer Fakultät werden die Klassenzimmer nach dem Abendessen noch einmal aufgesperrt, damit die Fleißigen hier weiterlernen können. Jetzt werden Hausaufgaben gemacht, Themen wiederholt und alles irgendwie ins Gehirn gepresst. Als ich nachfrage, ob sie eine bestimmte Lernstrategie haben, antworten die meisten: Abschreiben und auswendig lernen. Dann nochmal abschreiben und wiederholen.

Am Mittwoch betrachten wir im Kurs den Studienalltag in Deutschland und die markanten Unterschiede zu China. Liegt hier vielleicht die Motivation der Studierenden versteckt?

Die Klasse ist sich einig: In Deutschland gibt es für Studenten mehr Freizeit – und auch mehr Freiheit: Nur 20 statt 40 Semesterwochenstunden, die man sich auch noch selbst zusammenstellen kann. Keine Sperrstunden in den Wohnheimen (wie hier um 22.30-23.00 Uhr), ein eigenes Zimmer anstelle der 5 Mitbewohner, mit denen man sich im chinesischen Wohnheimzimmer seine wenigen Quadratmeter teilt. Noch dazu verspricht Deutschland freie Nachmittage und individuelle Gestaltung. Zeit für ein Hobby, Zeit für Freunde, Zeit für sich. Ein Konzept, dass der Großteil hier nur vom Hörensagen kennt. Auch deshalb klingt ein weiterführendes Studium in Deutschland für die meisten so vielversprechend. Weniger Stress, weniger Vorschriften – dafür mehr Möglichkeiten, mehr Individualität. Ein ganz anderes (Studenten)Leben!

(An unserer Uni sind 2 Stunden Sport pro Woche Pflicht. Nach Freizeitaktivität sieht es aber auch nicht aus)

(Natürlich muss man die Sonderstellung meiner Studenten beachten. Mit ihrem Doppelstudium tragen sie eine Doppelbelastung. Sie studieren Deutsch sowie ihr gewähltes Fachstudium Chemie, Elektrotechnik oder Maschinenbau. Das bedeutet zweimal so viel Arbeit. Im ersten Studiensemester haben sie 6 Unterrichtseinheiten Deutsch pro Tag. Dazu kommen Seminare und Vorlesungen in Mathematik, Chemie etc. In anderen Studiengängen ist es bei weitem nicht so dramatisch: Ex-Alumnis aus der Germanistikabteilung unserer Uni bestätigten mir, dass sie lange nicht so viele Wochenstunden hatten. Die Situation in meinem Studiengang hier ist also eine Spezielle. Vermutlich aber dennoch keine Ausnahme).

Die vergangenen Wochen und der heutige Prüfungstag bestätigen mir noch einmal, wie ehrgeizig viele der Studierenden hier sind. Sie wollen in Deutschland studieren, komme was wolle, und sie geben alles dafür. Viele sind motiviert, zielstrebig und ehrgeizig – und andere naiv. Wie anfangs gesagt haben nur ein paar Wenige die Chance, heute in der Prüfung gut abzuschneiden und die nötigen Punkte für die Einschreibung an einer deutschen Hochschule zu erlangen. Die Mehrheit wird jedoch durchfallen. Statistisch gesehen zeigte sich diese Tendenz auch schon in den vergangenen Jahren.

(Kommentar einer der besten Schülerinnen nach der Prüfung)

Letzte Woche hat mich ein Mädchen um Hilfe gebeten. Sie schreibt nun zum dritten Mal TestDaF. Ich vermute, es wird nicht ihr letzter Versuch werden. Sie hat kaum Fortschritte gemacht, keine zusätzlichen Deutschkurse besucht, hängt an der gleichen Stelle fest und sucht jetzt eine Woche vor der Prüfung den Rat, der sie retten soll.

Der Test prüft, ob ein Lerner die für eine Hochschule nötigen sprachlichen Kenntnisse besitzt. Nach den wenigen Wochen hier glaube ich allerdings, dass die wenigsten Studierenden dieses Konzept verstanden haben. Aus meiner Sicht gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, die Studierenden schätzen ihre Fähigkeiten falsch ein, oder, meine stärkere Vermutung, sie verfolgen das Motto: Je öfter ich die Prüfung schreibe, desto höher sind meine Chancen, zu bestehen.

Es ist traurig und geht noch immer schwer in meinen Kopf. Ich bin der Überzeugung: Wer sich richtig vorbereitet und sich die nötige Zeit nimmt, kann die TestDaF-Prüfung bestehen. Es ist kein Hexenwerk und die Studenten bringen die nötige Motivation mit und haben an der Uni alle Möglichkeiten.

Aber die Denke meiner chinesischen Studenten ist anders und am Ende heißt es hier wohl eher: Probieren geht über Studieren.

6 Kommentare zu „Noch einmal Student sein …

  1. Oh Mann, danke fuer den Einblick in das Chinesche Studentenleben. Diese Anforderungen sind schwer nachzuvollziehen, wenn man nur den Western etwas kennt. Auch kann ich mir nicht vorstellen, wie man 6 Stunden hintereinander eine Sprache lernen kann. Ich war erschoepft von 1 Stunde Italienisch und musste das erstmal sinken lassen. Zugegeben bin ich eher alt, aber trotzdem.
    Dein Klarblick, den ich wahrnehme gefaellt mir!

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  2. Hallo Eva!
    Ich bin Yolanda aus Mexiko!
    Dein Blog ist sehr interessant!! Ich könnte viel verstehen, genießen und lernen!
    Ich wusste dass viele chinesischen viele Stunden lernen, aber es war mir viel klar mit deine Beschreibung. : )
    Viele liebe Grüße!

    Yola : )

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  3. Hallo Eva! Ich kenne die Situation von deinen Studenten, weil mein Schüler bzw. seine Kommilitonen die gleiche Situation haben. Er lernt auch neben seinem Fach Roboter/Automatisierung oder ähnliches Deutsch. Ist jetzt im dritten Studiensemester. Jeden Tag voll geplant. Hat einfach keine Zeit zur Befestigung seiner Deutschkenntnisse. Er hatte im März einmal pro Woche individuellen Deutschunterricht bei mir. Jetzt wieder zu beschäftigt zu kommen. Parallel besucht er an seiner Uni B1-Kurs, aber wir wiederholen A1 am Wochenende, wenn er überhaupt kommen kann. Bis Ende nächstes Jahres muss er Goethe B2 bestehen, um an einem Praktikumprogramm in Deutschland teilnehmen zu dürfen. Ich hoffe, ich kann ihn gut unterstützen.

    Grüße aus Shenzhen in Südchina
    Bingyu

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    1. Hallo Bingyu! Schön, auch Leser aus Shenzhen zu haben, das freut mich sehr!
      Oja, das hört sich bei dir nach einer sehr ähnlichen und genauso verzwickten Situation an. Viele meiner Schüler sollten eigentlich auch noch einmal A1 und A2 wiederholen. Aber wann? Es ist kaum Zeit für Wiederholung und Festigung des neuen Stoffes, so wie du sagst.
      Ich wünsche dir und deinem Schüler alles Gute. Respekt vor seiner Motivation und seinem Fleiß!

      Gefällt 1 Person

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