Als Frau im Ausland

„Du bist ganz allein hier?!“ Ungläubige Gesichter, große Augen, tiefes Stirnrunzeln.

Der Blick schweift von meinem Gesicht zu meinem großen blauen Backpack und blickt dann suchend nach rechts und links. „Ganz allein?“


Wie oft habe ich diesen Kommentar schon gehört. Die ersten Male dachte ich mir nichts dabei, antwortete wahrheitsgemäß: „Ja, ich bin alleine unterwegs. Warum auch nicht?“ Doch nach dem fünften Mal wurde ich stutzig. „Ganz allein?“ „Ganz allein?“ „Ganz allein?“ Wieso stellten mir unterschiedliche Menschen an unterschiedlichen Orten immer wieder die gleiche Frage? Wieso hörte ich statt Bewunderung nur skeptische Verwunderung?

Angefangen hatte es im Jahr 2015 auf meiner Südamerikareise. Im Bus. Auf der Straße. Im Gemüseladen. Eigentlich an allen öffentlichen Plätzen, an denen ich auf Einheimische stieß. „Bist du allein hier? Wo ist deine Familie? Hast du keinen Ehemann?“ Vor allem die ältere Generation beäugte mich interessiert, oft auch prüfend: Ein junges Mädchen Mitte 20, mit großem Rucksack auf dem Rücken, in weiter Ferne, allein unterwegs. Ohne Familie, unverheiratet. Es war ihnen neu – und es war ihnen suspekt. Irgendwie passte ich so gar nicht in ihr Weltbild.


Ein paar Jahre später, 2017 in Puebla, Mexiko. Wieder ich, wieder alleine. Dieses Mal war ich gekommen um zu bleiben, ohne Rückflugticket, dafür mit Arbeitsvertrag – unbefristet. Mexiko, wunderschön und gleichzeitig doch: ein Land des Kollektivismus. Wo augenscheinlich jede Freizeitaktivität ein „wir“ verlangt, wo Lebensmitteleinkäufe zum Familienausflug werden, wo für den Schwimmbadbesuch drei Zusatzautos gemietet werden müssen, damit auch die Oma samt Rollator am Beckenrand ihren Platz findet. Alles gemeinsam, nichts alleinsam. Zusammen ist es schöner. Zusammen macht es mehr Spaß. The more the merrier.


In dieser Welt stachen ich und andere meiner Art heraus.

Anstatt an der Hand des (Ehe)Mannes spazierten wir sonntags alleine durch den Park, wählten und bestellten unser Essen selbst und teilten im Kino mit der Popcorntüte den Pärchen-Sessel. Wir wagten Ausflüge ohne die Gruppe, fuhren allein quer durch das Land, setzten Beispiele, wie es auch anders geht. Ich würde sagen, wir waren glücklich. Zumindest so lange, bis sie wieder kam, die Erinnerung, die ewige Frage: „Du bist ganz allein hier?!“.

Eineinhalb Jahre später und auf einem anderen Kontinent finde ich heute, welch Überraschung, das gleiche Szenario vor. Dieses Mal sogar unter den Kollegen. Denn hier tuschelt man hinterrücks: Wer mit 30 nicht verheiratet ist, hat etwas falsch gemacht, ist nicht ganz normal. Ein männlicher (deutscher) Kollege kommt den anderen zuvor, spricht die fünf Worte als erster aus: „Du bist ganz allein hier?!“ Damit aber nicht genug, er stellt mich zur Rede. Warum denn noch kein Ring an meinem Finger sei. Im besten Heiratsalter wäre ich – oder… vielleicht schon darüber hinaus? Ob ich keinen Erfolg mit Männern hätte? Er ist Ende dreißig und genauso ringlos wie ich. Der Unterschied: Ihm diese Frage zu stellen, darauf würde wohl niemand kommen.

Was ist in der Gesellschaft nur falsch gelaufen? Warum verwundert es die Menschen in Südamerika, in Mexiko, in China und vielleicht auch in Deutschland, wenn eine junge Frau alleine und womöglich unverheiratet (im Ausland) ihr Leben lebt, in die Ferne geht, Abenteuer wagt – anstatt in ihrer Heimat sesshaft zu werden, ein Haus zu bauen und in einer romantischen Beziehung zu leben.

Wie muss das Frauenbild sein, dass in so vielen Köpfen herumspukt? Und was muss getan werden, dass sich dieses Bild endlich ändert?

Die Frage wühlt mich auf. Ich will mehr über das Frauenbild in China erfahren und gebe meinen Schülern den Auftrag, Assoziationen zu Männern und Frauen zu sammeln.



Wenn ich mir das Resultat ansehe, verwundert mich nichts mehr. Männliche und (!) weibliche Studierende meinen, dass die stereotypische Frau zart, dünn und unschlüssig sei. Der Mann hingegen stark, mutig und risikobereit.

Mir vergeht das Lachen.

In mehreren Klassen bekomme ich ähnliche Antworten. Und nicht nur im Klassenzimmer, auch auf dem Campus, in der Mall und am Strand bestätigt sich das Bild. Der Junge trägt dem Mädchen die Handtasche, die Einkaufstasche, die Wasserflasche, den Stift. Sie scheint zu schwach, er muss ihr helfen. Das Mädchen dagegen ist perfekt gestylt, lächelt, trägt nicht selten einen Rock mit rosa Tüll. Ein Prinzesschen wie aus dem Bilderbuche.

Ich fühle mich in die 50er-Jahre der Dr. Oetker-Werbung zurückversetzt: „Eine Frau hat nur zwei Lebensfragen. Was soll ich anziehen? Und was koche ich meinem Mann?“ Das kann es doch nicht sein.

Zurück im Klassenzimmer hole ich noch einmal die „Typisch Mann – Typisch Frau“- Liste heraus und überlege. Wo ordne ich mich selbst ein, was trifft auf mich zu? Es stimmt, ich bin ich eher emotional als rational. Zögere und bin unschlüssig, bevor ich den ersten Schritt wage. Aber ich würde mich auch als mutig bezeichnen. Denn es gehört Mut und Risikobereitschaft dazu, in ein Land zu ziehen, von dem mir nahezu alle Freunde abgeraten hatten.

Wenn ich all die „schönen, zarten Prinzessinnen“ auf dem Campus sehe, werde ich traurig. Sie bieten die perfekte Vorlage für die Frage, die mir seit meiner Südamerikareise immer wieder gestellt wird. Und ich glaube mich zu erinnern, ähnliche Prinzessinnen auch in Mexiko und in den verschiedenen Ländern Südamerikas gesehen zu haben.

Ich bin froh, dass sich das Rollenbild in Deutschland seit den 50er Jahren trotz andauernden gender pay gaps und der Frauenquote etwas gewandelt hat. In Deutschland hatte ich ein gutes Gefühl, als Frau alleine durch die Straßen gehen zu können, unabhängig und auf niemanden angewiesen zu sein. Meine Selbstständigkeit war selbstverständlich. Warum auch nicht? Ich konnte alleine ein Bankkonto eröffnen, ein Jobinterview führen, den Weg finden. So hatte es mir meine Mutter beigebracht und so machte es mein Umfeld.

In Mexiko und auch jetzt in China stößt mein Verhalten jedoch oft auf Erstaunen. Als ich gestern alleine loszog und die Hilfe eines Schülers ausschlug, hörte ich nur irritiert: „Wow, du bist aber eigenständig…“

Ich habe das Gefühl, dass uns Frauen an vielen Orten noch ein langer Weg bevorsteht, bis wir aus den alten Rollenbildern ausbrechen. Zwar gibt es SIE schon, die selbstständige, unabhängige Frau, auch hier, auch in Lateinamerika. Aber noch hat sie es schwer und ist in der Minderheit.

Ich hoffe, dass sich in der Zukunft bald einiges ändern wird. Fürs Erste trage ich im Kleinen dazu bei und breche mit den Geschlechterklischees im hiesigen Lehrer- und Klassenzimmer, indem ich vor meinen Kollegen und den Schülern noch einmal betone:

„Ja, ich bin alleine hier. Und das ist auch gut so.“

6 Kommentare zu „Als Frau im Ausland

  1. Hallo Evamarie.

    Du sprichst mir aus der Seele.
    Ich bin auch als Lehrerin an deutschen Auslandsschulen unterwegs. Lebe und reise alleine.
    Derzeit arbeite ich in Abu Dhabi. Gerade bei meinen Reisen durch Asien stellt man mir oft diese Frage und reagiert ungläubig, wie ich denn mit 40 nicht verheiratet sein kann.

    Viele Grüße,
    Yvonne

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    1. Liebe Yvonne,
      vielen Dank für deinen Kommentar und das Teilen deiner Erfahrungen. Es tut mir gut zu hören, dass es noch andere in der gleichen Situation gibt. Und dass wir alle trotz der Kommentare unser Leben weiterhin so leben und uns Reisen und Wünsche erfüllen.
      Liebe Grüße, Eva

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  2. Voll gut!!!! Schick den Artikel an eine Zeitschrift. Du hast wirklich Talent! Und einen guten Blick für die Wahrheit und daraus resultierende Fragen.
    Die Rollenidentifikationen verhindern das Menschsein – doch wir sind auf dem Weg Mensch zu sein und die Rollen wie Kleider zu tragen – mal so mal so – mal weiblich, mal männlich.

    Gefällt 1 Person

  3. Danke, Eva, für den Blick! Ich habe mich total transportiert gefühlt als ich lies, wie ich da an deiner Seite wäre. Ich kann das alles total nachvollziehen! Und ja, alleine ins Ausland und das ist sehr gut so! 🙂

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