Ostern in China

Ein Bericht über Ausgangssperren und religiöse Vielfalt

Es ist 9 Uhr morgens, Ostersonntag. Ich öffne die Augen, blicke nach links. Ein kleiner goldener Schokohase steht auf meinem Nachttisch. Freudig stehe ich auf. Ostern ist eines meiner Lieblingsfeste und Erinnerungen kommen hoch: Das Osterfrühstück mit der Familie, in der Mitte des Tisches die Osterkerze, daneben das Osterlamm, das meine Oma früher in ihrer alten Lamm-Backform frisch aus dem Ofen servierte. Die Christen feiern die Auferstehung Jesu Christi. Das Fest der Hoffnung, das Fest des Lichts. Ich schwelge für einen Moment in Gedanken und Erinnerungen.

Ein Osterbrunch mit meinen Kollegen wäre jetzt ideal. Es gibt ein sehr schönes Café am Strand, mit entspannender Musik, Cappuccino und Croissants. Danach vielleicht ein kleiner Osterspaziergang am Meer. Ich greife zum Handy, will den anderen eine kurze Nachricht schreiben. Doch mitten in der Bewegung halte ich inne. Heute ist Sonntag. Heute ist der erste Tag meines „Campusarrests“.

Auf Bitte der Universität soll ich das Gelände für sechs Tage möglichst nicht verlassen. Der eingeschränkte Ausgang betrifft bei weitem nicht mich allein. Alle Studenten und weiteren Campusbewohner wurden von der Universität darauf hingewiesen, die nächsten Tage auf dem Campus zu bleiben. Auch an anderen Universitäten in Qingdao wurde diese Empfehlung ausgesprochen. Den deutschen Austauschstudenten, die außerhalb des Unigeländes wohnen, wurde zudem dringlichst empfohlen, die kommende Woche ihre Wohnungen zu hüten, nicht zu ihren Kursen an der Uni zu fahren und jeden Abend um 22 Uhr den Professoren Rückmeldung über ihren Standort zu geben. Die deutschen Studenten, die auf dem Campus wohnen, bekommen zur gleichen Uhrzeit sogar einen persönlichen Besuch. Generell gilt, man solle nur in dringenden Fällen und mit Pass nach draußen gehen. Und vor allem: Das Zentrum meiden. Was ist der Grund für diese ganzen Sicherheitsvorkehrungen?

Ein Kollege klärt mich auf: Am 23. April findet die Militärparade zum 70-jährigen Jubiläum der Marine statt. Zu diesem Anlass werden viele hohe Persönlichkeiten aus China und den Nachbarländern nach Qingdao reisen, unter ihnen auch der Präsident. Deshalb heißt es für uns nun: Stillsitzen und Abwarten.

Von mehreren Seiten habe ich gehört, dass dies die gängige Handhabe sei. Auch im vergangenen Jahr habe es ein großes Treffen mit der Anwesenheit des Präsidenten gegeben. Damals wurde den Campusbewohnern ebenso geraten, diesen nicht zu verlassen. Eine Kollegin meint auf meine Nachfrage hin: „In China beobachtet man Paraden und offizielle Veranstaltungen wie diese per Fernseh-, oder Internetübertragung, von zu Hause aus. Hier ist es nicht wie in Deutschland, wo man sich alles aus nächster Nähe ansehen kann.“

Wer doch raus und womöglich in Zentrumsnähe gehe, ausländischer Herkunft oder nicht, hätte mit einer verstärkten Personalien-Kontrolle auf den Straßen zu rechnen. Was sich nach Erzählungen einiger Bekannten im letzten sowie diesem Jahr bereits bestätigte. Die Austauschstudenten erzählten, dass sie von zwei Polizisten den ganzen gestrigen Abend auf einem öffentlichen Markt verfolgt und beobachtet wurden. Ein komisches Gefühl.
In den vergangenen Tagen brodelte deshalb unter Lehrern und Studenten die Gerüchteküche. Werden wir wirklich eine Woche eingesperrt? Dürfen wir nicht einkaufen, nicht zur Apotheke, nicht ins Kino? Immerhin kündigten auch viele Bars und Clubs an, dass sie kommende Woche geschlossen blieben.

Als ich meinen Osterspaziergang zum Strand nun zu einem Spaziergang zur Mensa umdisponiere, zeigt sich allerdings schnell: Die Ausgangssperre wird (zumindest heute noch) nicht ganz so strenggenommen, wie zuerst vermutet. An den verschiedenen Campus-Eingängen herrscht reges Kommen und Gehen. Keine Polizei, keine Kontrolle. Auch die Busse und Taxis fahren wie gewohnt. War die ganze Sorge umsonst?
Ein paar Studenten wollen zum Strand und es reizt mich, jetzt mitzufahren und dort meinen Osterspaziergang fortzusetzen. Vorerst bleibe ich aber auf dem Campus und beobachte weiter, was noch passieren wird. Und schreibe diesen Eintrag zu Ende.

Da wir rechtszeitig vor dem Ausgangsverbot gewarnt wurden, habe ich meine Ostertraditionen dieses Jahr dementsprechend vorgezogen. Jeden Mittwoch und Donnerstag findet an unserer Universität eine Deutsche Ecke statt, in der die chinesischen Studenten mit den deutschen Austauschstudenten und Lehrern abends zwei Stunden zusammenkommen und Karten, Tabu oder Wortschatzrätsel spielen oder auch einfach nur über den Alltag plaudern. Letzten Mittwoch haben wir anlässlich der Osterfeiertage einen interkultureller Abend geplant. In China ist Ostern weitestgehend unbekannt, das Christentum bildet unter den praktizierten Religionen eine Minderheit.


Religion ist in China an sich ein besonderes Thema. Vor nicht allzu langer Zeit waren religiöse Praktiken nicht gerne gesehen, viele Tempel und Klöster wurden noch im vergangenen Jahrhundert zerstört. Die große Veränderung kam dann in der Deng-Xiaoping-Ära. Erst mit den wirtschaftlichen und politischen Lockerungen dieser Zeit wurden viele religiöse Stätten erneut geöffnet.

Welche ist aber nun im heutigen China die meistpraktizierte Religion? Das lässt sich so einfach nicht sagen. Es gibt so viele verschiedene religiöse Bilder, Götter, Geister, Glücks- und Ünglücksbringer, dass man leicht den Überblick verlieren kann. Volker Häring und Francoise Hauser schreiben in ihrem China Handbuch: „Das Konzept einer einheitlichen, heilbringenden Religion, von der es alle Ungläubigen zu überzeugen gilt, ist den meisten Chinesen völlig fremd. Religion ist eine persönliche Angelegenheit.“ Die eine Religion gibt es in China also nicht. Bei all den Religionskriegen, die diese Erde schon miterlebt hat, eigentlich ein sehr schöner Gedanke.

Was in Chinas Alltag sichtbar wird, ist eine Mischung verschiedener Religionen. Die Menschen glauben an Traditionen und Gottheiten aus dem Konfuzianismus, Daoismus und dem Buddhismus. In den Bergen begegnet mir ein Mann, der vor einem kleinen Altar mit einer Buddha-Figur betet.


Auf einem Ausflug zu einem taoistischen Tempel, sehe ich junge Männer und Frauen, die vor den verschiedenen Abbildern niederknien und Räucherstäbchen darbieten. Über ihnen blickt Laotse, Gründer des Taoismus, mit erhobenem Finger ins Tal.

Unterschiedliche Glaubensrichtungen sind an allen Ecken und Enden vertreten. Für mich ist es schön, eine solche Vielfalt zu sehen.
Am Ende vereint die meisten Chinesen, so Häring und Hauser, wieder ein Gedanke: Alles im Universum ist Teil eines Ganzen, eines geschlossenen Systems, in dem sich jede Bewegung, jede noch so kleine Veränderung auf alle anderen Elemente auswirkt.

An diese Denkweise reiht sich unser Osterabend. Wir sprechen über die Auferstehung Jesu Christi und die verschiedenen Osterbräuche Deutschlands. Die Schüler sind interessiert, stellen Fragen. Ist das Osterlamm aus echtem Fleisch? Wieso heißt es Osterhase und nicht Osterkaninchen? Warum steht auf der Osterkerze ein A und ein O? Zum Abschluss geht es in die Praxis und wie schon letztes Jahr in Mexiko werden die Studenten wieder einmal selbst zu Osterhasen und färben und bemalen die gekochten Eier.


Trotz des kleinen interkulturellen Abends ist Ostern dieses Mal ganz anders für mich (und nicht nur, weil ich mich ein wenig auf dem Campus eingesperrt fühle). Vor einem Jahr lebte ich noch in Mexiko und zur Osterwoche besuchte mich meine Mutter mit zwei Freunden. Es war zwar kein typisches Ostern, wie ich es aus Kindertagen in Deutschland kenne, dennoch läuteten die Kirchenglocken zur Ostermesse und man pflegte verschiedene Traditionen, die an das christliche Fest erinnerten. Es fühlte sich damals ein bisschen nach Heimat an. Für die Mehrheit meiner jetzigen Umgebung ist heute ein Tag wie jeder andere. Das ist zum einen komisch, zum anderen aber auch in Ordnung. Denn, wie ich von der chinesischen Sichtweise heute gelernt habe: Es gibt kein einheitliches Konzept von Religion und am Ende bleibt es jedem selbst überlassen, welche Traditionen er pflegt und an was er glaubt

Während ich diese letzten Zeilen tippe, bin ich weiterhin fasziniert von den verschiedenen Glaubensrichtungen in China und nehme mir vor, mehr darüber zu lesen. Und jetzt, wo ich auf dem Campus bleiben soll, habe ich gut Zeit für die weitere Recherche. Zuvor gehe ich aber noch kurz zurück zu meinem Nachttisch und … entpacke das goldene Papier.  Mhmm lecker!


PS: Danke an Tobias für die schönen Tempelfotos 🙂

2 Kommentare zu „Ostern in China

  1. Frohe Ostern Eva Marie! Ich bin ganz aufgewuehlt von deinem Bericht, danke, danke! Ich glaube, dass das Wahre in Christ (nicht Christentum) auch sehr individuell ist, ohne religioese Regeln und Bevormundungen. Ich tue mich sehr schwer alles voran ich geglaubt habe, von dem ich mehr und mehr erkenne, dass es nicht wahr ist, loszulassen. Ohne dieses Loslassen kann ich wirklich Christ und das Wahre erfahren – soviel kann ich doch erkennen!

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  2. Bin immer wieder sehr angetan von deinen Berichten – die chinesische Kultur kommt mir durch dein Erleben um einiges näher. Ich glaube, was mir gefällt, ist dass in dir eine offene, vrwunderte Wahrnemung gelingt, die du dann mit anderen teilst. Danke.

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