Reiseziel: Wohlfühlen

Es gibt nur ein Mittel, sich wohlzufühlen: Man muss lernen, mit dem Gegebenen zufrieden zu sein, und nicht immer das verlangen, was gerade fehlt.

Theodor Fontane

Vor gut einem halben Jahr Anfang Dezember, ich lebte damals noch in Puebla, feierte ich mit meinen Deutschschülern den Nikolaustag. Eigentlich feiert (oder kennt) man den Heiligen Nikolaus in Mexiko nicht, deshalb brachte ich dort gerne die deutsche Tradition in die mexikanischen Klassenzimmer. Nach der letzten Unterrichtsstunde an einem dieser Adventstage kam ein mexikanischer Kollege bepackt mit einer verzierten Weihnachtstüte auf mich zu. In ihr war unter anderem ein kleiner Wochenkalender für 2019 mit Zitaten und Lebensweisheiten. Ich freute mich über die nette Überraschung und das schöne Geschenk, das mich bald darauf bis nach China begleiten sollte.

Vergangene Woche blätterte ich nun wie schon so oft dieses Jahr die nächste Seite des Wochenkalenders um.  Dieses Mal las ich den neuen Spruch sehr aufmerksam. Es war ein Zitat von Theodor Fontane: Es gibt nur ein Mittel, sich wohlzufühlen. Ich stand am Fenster und blickte hinaus auf die Sportplätze. Einige Studenten spielten Tennis und Basketball, andere gingen eingehakt die Straße entlang. Ich überlegte: Fühlte ich mich hier wohl? War ich mit dem Gegebenen zufrieden? Mit meiner Arbeit, der Universität, meinem Leben in China? Oder suchte ich insgeheim immer noch etwas Besseres?

Das Handypiepen holte mich aus meinen Gedanken und ich schaute auf die Uhr. Es war höchste Zeit. Ich stellte den Kalender zurück auf das Fensterbrett und rollte meinen kleinen Reisekoffer zur Wohnungstür. In einer halben Stunde sollte ich am Flughafen sein, rechtzeitig zum Check-in. Denn für die nächsten fünf Tage hieß es Länderwechsel und ab nach Seoul, Südkorea. Ich schloss die Tür hinter mir zweimal ab. Fontanes Spruch, zu diesem Zeitpunkt wusste ich es noch nicht, würde mich die nächsten Tage noch weiter begleiten.

Anlass des Kurztrips war der Tag der Arbeit am 1. Mai, der in China Feiertag ist. Die Uni hatte Studenten und Lehrern nicht nur den Feiertag, der auf einen Mittwoch fiel, sondern auch die darauffolgenden beiden Tage freigegeben. So stand uns ein langes Wochenende bevor. Meine Kollegin und ich wollten die Miniferien für einen Ausflug nutzen und nach kurzem Überlegen entschieden wir uns für die Halbinsel Südkorea.

Seoul, die Hauptstadt Südkoreas,  liegt eigentlich nur einen Katzensprung von Qingdao entfernt. Schon nach einer Flugstunde setzte unser Flieger zum Landeanflug an. Wir waren gespannt, hatten wir schon viel von der riesigen Metropole gehört. Ein neues asiatisches Land, keine von uns war bisher hier gewesen.

Blick über Seouls Wolkenkratzer

Seoul fesselte uns ab der ersten Minute. Und nicht nur aufgrund der westlichen Toiletten am Flughafen und allen anderen öffentlichen Plätzen (bisher hatte ich noch nicht die chinesischen Toilettensituation erwähnt. Wer Interesse hat, kann ja mal googlen 😉).  Alles ist neu, alles ist hochmodern, alles ist futuristisch. Nachdem wir unsere chinesischen Yuan in koreanische Won in der Wechselstube umgetauscht hatten, fuhren wir mit dem Shuttlebus Richtung Seoul-Innenstadt. Wir betrachteten neugierig und mit großen Augen unser Umfeld durch die Fensterscheiben. Alles erstrahlte in einem satten Grün, Laub- und Nadelbäume säumten die Autobahn links und rechts und gleichzeitig ragten schon die ersten Wolkenkratzer vor uns in die Lüfte.

Nach einer knapp einstündigen Fahrt verließen wir im Stadtteil Hongdae den Bus und machten uns auf die Suche nach unserem Hostel. Das Hongdae-Viertel wurde uns von mehreren Bekannten und Reiseführern empfohlen. Und bald wussten wir auch, warum. Die Gegend rund um die Hongik-University pulsiert: die Jugend, Studenten, Arbeiter, Businessleute und Touristen, alle schienen hier zusammen zu kommen. Die kleinen Straßen und Gassen sind gespickt mit Cafés, Bars und Restaurants. Alles ist kreativ, alles ist dekoriert, alles hat sein eigenes Flair. Die Individualität und Schaffensfreude ist fast zu greifen. Um die eine Ecke führt eine Wendeltreppe hinauf auf die Dachterrasse mit Ausblick, an der anderen sitzt ein Straßenmusiker und spielt Gitarre, links stapeln sich Vintageläden und kleine Boutiquen in Schiffscontainern, rechts sitzen junge Leute an gemütlichen Holztischen. Die Atmosphäre lebt und bebt.

Seouls moderner Lebensstil und die spürbare Lebensfreude stecken an. Die fünf Tage vergingen wie im Flug. Wir besuchten den Gyeongbokgung Palast, in dem sich andere Besucher als frühere Palastbewohner verkleideten, durchstreiften das alte Hanok-Village mit seinen kleinen, historischen Häusern, in denen heute Essen und Kleidung verkauft wird und ließen uns von den Eindrücken treiben. Seoul ist jung und modern und gleichzeitig spürt man die alte Kultur und Tradition.

Was mich am meisten an der Stadt faszinierte, sind die grünen Naturoasen. So wurde zum Beispiel ein früherer Autobahnabschnitt, der vom Hauptplatz der Stadt abgeht, zu einem Kanal umgebaut. Nun plätschert zwischen Baumalleen ein kleiner Bach unter den Wolkenkratzern hindurch. Zur Mittagszeit begegneten uns hier neben Studenten, Touristen und älteren Menschen auch Anzugträger, die ihre Pause auf einer Bank am Kanal genießen. Nahe unserer Bleibe entdeckten wir kurz vor Abreise den Gyeongui-Forest, ein schmaler, langgezogener Park, der auf der alten Zug-Gleisstrecke angebaut wurde und zum Nachmittagsspaziergang einlädt.

Unser Fazit: Die Stadt scheint für alle etwas zu haben. Ob Kulturfreund, Kaffeejunkie, Shoppingqueen, Naturliebhaber oder Nachteulen, jeder kommt auf seine Kosten.

So spazieren meine Kollegin und ich am letzten Abend noch einmal durch die Straßen von Seoul und werden melancholisch. Es gefällt uns wirklich sehr gut hier. In dieser kurzen Zeit haben wir uns ein bisschen in Seoul verliebt.

Dachterrasse, die zum Verweilen und Träumen einlädt

Wir beginnen ungewollt zu vergleichen. Wie schön wäre es, wenn unsere chinesische Wahlheimat ein bisschen so wie Seoul wäre. Wenn es dort mehr Leben auf der Straße gäbe. Wenn mehr Leute Englisch sprächen, wenn Chinesisch nur nicht so schwierig zu lernen wäre, oder wenn zumindest alles zweisprachig ausgeschildert wäre. Wenn es abends Life-Musik gäbe oder neben den großen westlichen Kaffeeketten auch noch andere Läden zum Verweilen einlüden. Ach, wäre es schön, so schön wenn… wenn … wenn.

Und da sehe ich ihn vor meinem inneren Auge, Herrn Fontane, wie er mit erhobenem Finger da steht und tönt: Es gibt nur ein Mittel, sich wohlzufühlen: Man muss lernen, mit dem Gegebenen zufrieden zu sein, und nicht immer das verlangen, was gerade fehlt. Ich seufze. Das ist wohl wahr, Herr Fontane. Gerade will ich mich von meinem „Wenn das Wörtchen wenn nicht wär“ lösen, da hält mich meine Kollegin am Arm fest:

„Aber bleibt man dann nicht auf dem Fleck stehen, wenn man sich immer mit allem zufriedengibt? Wenn man aufhört, zu suchen. Wenn man sich nicht weiterentwickelt, sondern stattdessen resigniert akzeptiert?“

So ein Dilemma, denke ich. Was stimmt denn nun? Wer hat recht? Ich sehe den Punkt meiner Kollegin: Wenn man immer gleich resignieren würde, käme es nie zu Reform und Veränderung. Dann wäre ich heute definitiv nicht an dem Ort, an dem ich bin. Aber würde ich auf der anderen Seite immer weiter suchen, käme ich ebenfalls nie zur Ruhe… Vielleicht liegt die Kunst wie so oft in der Mitte? Im Wissen, wann ich eine Situation ändern muss und wann ich sie zu akzeptieren habe?

Innerlich aufgewühlt und ohne klare Antwort verlasse ich Seoul und kehre zurück nach China.

Als wir am chinesischen Flughafen landen und durch die Passkontrolle gehen, kommt der erste Seitenhieb: Ein guter Teil meines Internets ist wieder durch Chinas GreatFirewall gesperrt. Als dann noch der Taxifahrer trotz Händen, Füßen und Übersetzungs-App nicht versteht, wohin wir möchten, bin ich endgültig frustriert. Wie schön wäre es jetzt, wenn… Aber es hilft alles nichts und ich falle kurz darauf müde und nachdenklich ins Bett.

Am nächsten Morgen beginnt ein neuer Tag und die Sonne strahlt in mein Zimmer. Es ist Samstag und wir haben heute noch frei, bevor am Sonntag die verpassten Unterrichtsstunden nachgeholt werden. Ich bin am Strand mit einer internationalen Gruppe zum Beachvolleyball verabredet. Als ich ankomme, wird dort schon fleißig ausgetauscht, wer wo wie lange die Feiertage verbracht hat. Xi’an, Yunnan, Südkorea, Japan… Mir fällt auf, wie viele der Augen strahlen, wenn sie von ihren Reisezielen berichten. Und wie ausdruckslos sie werden und sich zusammenkneifen, wenn sie von ihrer Rückreise nach Qingdao sprechen.

Während die anderen von fernen Orten mit schöneren, besseren, größeren Dingen sprechen (so wie ich noch am Abend zuvor) wird es plötzlich ganz ruhig in mir.

Auf einmal wird mir bewusst, wo ich gerade bin. Ich stehe auf chinesischem (Strand)Boden. Zwischen meinen Zehen spüre ich den weichen Sand. Ich blicke mich um. Was fehlt mir eigentlich? Ich spiele Beachvolleyball mit tollen und interessanten Menschen aus der ganzen Welt, die Sonne scheint mir auf meine Nasenspitze und… ich bin glücklich. Und das ist im Moment alles, was für mich wichtig ist. Ich muss jetzt nichts ändern, ich habe alles, was ich brauche. Ich kann zufrieden sein. Vielleicht kommt irgendwann der Moment, in dem wieder eine Veränderung ansteht. Aber wer weiß das schon?

Jetzt nehme ich erst einmal den Volleyball und werfe ihn hoch. Innerlich denke ich noch, bevor meine Hand den Ball berührt: Danke Herr Fontane, dass Sie mich erinnert haben!

2 Kommentare zu „Reiseziel: Wohlfühlen

  1. Liebe Eva – voll gut! Wohlfühlen! Ich denke wie Herr Fntane -doch ich denke auch, nur aus dem Wohlfühlen kann der creative Prozess einsetzen, der >verändert. Veränderung ist ja nicht, gegen etwas sein, sondern für etwas – und Schöpfung ist unserer Seele zu eigen.Lass es dir weiterhin gut gehen, liebe Eva!

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  2. Danke, Eva, mich beschaeftigt das auch. Ich bin in Seattle fuer 3 Tage und fahre selber. Bin gestern downtown gewesen und nachdem ich akzeptiert hatte, dass ich keine Ahnung habe was die Strassen bedeuten und mich voll und ganz auf mein GPS verliess, wurde ich ganz ruhig und, trotz des Verkehrs und schwindererregendem Strassennetzes blieb alles friedlich und fand ohne Probleme gutes Parking.
    Ich erinnerte mich auch an meinen Horrortrip letztes Jahr in Verona, wo ich mit zusammengebissenen Zaehnen versuchte die Autobahn zu vermeiden und dann total erschoepft war. Ich bin sehr dankbar fuer alles was mich erinnert und wenn es mir gelingt mich dahinein zu lehnen. Fuehle mich gerade eins mit dir und mir kribbelt mein ganzer Koerper!

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