China digitalisiert?

Auf den Spuren Marco Polos

Binnen Sekunden umhüllt mich eine dicke Wolke feuchtschwüler Luft, als ich am Freitagnachmittag aus dem Flugzeug steige. Da ist sie nun, die paradiesisch-schöne Stadt von der so viele schwärmen: Hangzhou.

Hangzhou ist die Hauptstadt der Zhejiang Provinz und liegt zwei Flugstunden von Qingdao entfernt, südlich von Shanghai. Zwei Flugstunden und doch nur ein kleiner Hops auf der Karte. Wieder einmal wird mir bewusst, wie unglaublich groß China doch ist. Nun denn, ich bin gespannt. Es ist die zweite Stadt, die ich in China erleben werde.

Zwei Flugstunden von Qingdao nach Hangzhou

Der gute Ruf eilt der Stadt voraus. Schon Ende des 13. Jahrhunderts war Marco Polo während seiner China-Reise so von Hangzhou angetan, dass er die Stadt über alle Maßen lobte: „Im Himmel gibt es das Paradies, auf der Erde gibt es Hangzhou“. In seinen Reiseberichten schreibt er von der grünen Stadt mit dem Westsee, der ihn mit seinen Gondeln und Schiffen an Venedig erinnerte. Ebenso fasziniert wie von der Natur war Polo damals von der chinesischen Kultur und der fortschrittlichen technischen Entwicklungen. Ihm zufolge war China den westlichen Ländern schon im 13. Jahrhundert um einiges voraus.

上有天堂,下有苏杭

Marco Polo ( Im Himmel gibt es das Paradies, auf der Erde gibt es Hangzhou)

Die technische Entwicklung ist auch der Grund für meine Wochenendreise. Denn ich bin nicht zum reinen Besuchs-Vergnügen hier. Der DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst), das Goethe-Institut und die Robert-Bosch-Stiftung haben DaF-Dozenten aus ganz China zu einer zweitägigen Konferenz eingeladen. Das Thema: Digitalisierung im DaF-Unterricht. Kann es laut Marco Polo einen besseren Ort dafür geben als Hangzhou? Vielleicht ja, aber dazu später mehr.

Samstagmorgen beginnt der Kongress in den Räumen der Zhejiang International Studies University, dem offiziellen Veranstalter. Der erste Tagespunkt ist die Begrüßungsveranstaltung. Diese Art von Zeremonie kenne ich schon von meiner Universität in Qingdao. Es gibt eine lange Tafel, an der d ie ranghöchsten Vertreter der Tagung einen Platz finden. Gleich werden sie Reden halten. Die übrigen Teilnehmer der Konferenz verteilen sich am Rande des Raumes und bilden die stillen Beobachter. Zuerst übergibt ein Moderator das Wort an die wichtigste Person des Tages, zum Beispiel an den Dekan der Universität. Dieser beginnt dann (oft auf Chinesisch mit deutschem Synchron-Übersetzer) seine Rede. Hauptbestandteil der Rede ist das namentliche Begrüßen der Anwesenden sowie eine Danksagung. Danach wird das Wort an einen zweiten Redner (nach Rangfolge) übergeben. Dieser und auch die nächsten Redner werden diese Zeremonie wiederholen und sich nach Rangfolge namentlich bei den Anwesenden bedanken. Hierarchie, Ordnung und vor allem Dank werden in China großgeschrieben.

Ich bin dieses Mal stiller Beobachter und habe einen Randplatz

Nach der Begrüßungszeremonie und den ersten inhaltlichen Vorträgen beginnen die Workshops. Eine Kollegin aus Indien stellt Tools für digitale Umfragen im Unterricht sowie für Cartoons und Videoerstellung vor. Eine deutsche Kollegin aus Braunschweig spricht über gamebased learning und den Mehrwert von digitalen Spielen im DaF-Unterricht. Ein junger Mann aus Südkorea berichtet von seiner Arbeit mit Lernvideos. Viele tolle Ideen werden gesammelt. Und so viele Apps, die ich noch nicht kenne. Es werden Avatare vorgestellt, die die Grammatik virtuell erklären, eine digitale Schnitzeljagd, die mit GPS und Aufgabenstellung zum Schatz führt und einfache Apps, die wir im Unterrichtsalltag leicht zusätzlich einbauen können. Ich bin begeistert.

Es gibt scheinbar unendliche Möglichkeiten. Oder sollte ich besser sagen: Es gäbe?

Denn es dauert nicht lange, da zeigt sich schon der Wermutstropfen der Tagung: das (chinesische) Internet. Oder besser gesagt das instabile, gedrosselte, sprunghafte und überwachte Internet. Während der zwei Tage werden wir vor allem an eines erinnert: Digitales Arbeiten in China fordert Geduld, Geduld, Geduld.

Ich hatte es schon einmal angesprochen. In China gibt es eine gnadenlose Internetsperre, auch The Great Firewall of China genannt. Diese gilt für viele amerikanische Webseiten wie Facebook, YouTube und WhatsApp. Aber auch deutsche Informationsportale wie die Deutsche Welle und wie wir jetzt feststellen einige Lernapps können nicht abgerufen werden. Gebe ich die Seiten in den Browser ein, bleibt mein Fenster leer.

Für das private Surfen kann so ein Verbot für einen westlichen User eine Einschränkung bedeuten. Ich schaute früher gerne Videos auf YouTube oder hielt mich durch Facebook auf dem Laufenden.  Heute in China geht das nicht mehr. Bevor ich hierher kam, musste ich erst einmal meinen E-Mail-Anbieter von googlemail zu gmx wechseln, denn sämtliche Googledienste sind gesperrt. Kleinigkeiten, die sich irgendwann häufen. Im Privaten kann ich das alles verkraften. Und China hat sogar einige gute Alternativen zu sozialen Netzwerken wie WhatsApp und YouTube, die ich gerne benutze.

Was mich allerdings wirklich auf die Palme bringt, sind die limitierten Möglichkeiten für die Unterrichtsvorbereitung. Viele aktuelle Texte, Videos und andere Materialien sind in China nicht zugänglich. Und falls sie es sind, muss man lange Lade-Wartezeiten in Kauf nehmen, sobald man eine ausländische Seite abruft. Kreative und hochwertige Unterrichtsvorbereitung in China, die außerhalb des Lehrbuchs stattfindet, verlangt daher sehr viel Flexibilität und Geduld.

Das wissen auch die anderen Lehrenden, die dieses Wochenende in Hangzhou zusammengekommen sind. Deshalb bleiben wir zunächst gelassen, als das Laden der meisten App-Seiten während der Konferenz eine kleine Ewigkeit dauert. Das W-Lan bricht ständig zusammen, das mobile Internet streikt. Es ist wie eine Zeitreise in die 90er-Jahre und zu Web 1.0. Am Ende sitzen dann doch die meisten Teilnehmer ein wenig frustriert vor den schwarzen Bildschirmen ihrer digitalen Endgeräte. (Un)Passenderweise werden auch noch genau an diesem Wochenende ausländische Seiten stärker überwacht und gedrosselt.

Wäre es am Ende nicht sinnvoller, zumindest in China zurück zu analog zu gehen?

Es ist traurig. China wirbt mit seinem technologischen Fortschritt. Und mit gutem Recht. In vielen Bereichen ist China der Technik-Spitzenreiter, hochmodern und innovativ. Huawai, Samsung, WeChat, Alipay, Taobao, Hochgeschwindigkeitszüge, perfekte Logistik und Abläufe, etc. Vergleichbares gibt es in Deutschland und den meisten anderen Ländern nicht.

Und doch – das Internet bleibt aus meiner Sicht Chinas Kummerkind.

An diesem Wochenende lernen wir also eine wichtige Lektion: Digitalisierung im Unterricht bietet viele Möglichkeiten. Und in China viele Herausforderungen.

Während wir auf das Laden der Webseiten warten, bleibt zumindest Zeit, uns untereinander besser kennen zu lernen. Wer sitzt hier eigentlich so um mich herum?

Auf dem Foto hat alles seine Ordnung

Zur Konferenz sind viele deutsche DAAD- und Bosch-LektorInnen gekommen. Beide Programme schicken junge Nachwuchslehrkräfte für 2-5 Jahre weltweit ins Ausland, um dort an verschiedenen Hochschulen zu unterrichten. Sie lehren in Peking, Shanghai, Xiamen, Xi’an, Qingdao. In Gesprächen mit ihnen denke ich mir: Eine interessante Option so ein DAAD-Lektorat, vielleicht für meine eigene Zukunft? 😊

Auch sind viele chinesische Kolleginnen angereist, die an Hochschulen Deutsch unterrichten. So zum Beispiel eine junge Dozentin, die an der bekannten Tongji-Universität in Shanghai Landeskunde forscht und DaF unterrichtet. Eine andere Kollegin, gebürtige Nürnbergerin, reist dieses Wochenende aus Ningbo an, wo sie schon seit 2008 unterrichtet. Wieder andere sind erst frisch nach China gezogen oder planen nur einen kürzeren Aufenthalt. Ob China-Liebhaber oder Weltenbummler, alle finden sich zusammen und können sich über eigene (interkulturelle) Erfahrungen austauschen. In dieser Gesellschaft fühle ich mich wohl. Keiner der fragt, warum China, und wenn doch, dann ohne Kritik. Viele, die alleine und ohne Familie leben. Ein paar, die sich vorstellen können, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren. Eine große Gruppe voller aufgeschlossener und neugieriger Menschen.

Auch beim Essen sollte man immer wieder aufgeschlossen und neugierig sein 🙂

Am Sonntagmittag endet die Fortbildung mit einer kleinen Verabschiedung. Die wichtigsten Punkte werden noch einmal resümiert, Zukunftspläne festgehalten und Kontakte über WeChat ausgetauscht. Das Lehre(r)-Netzwerk in China soll weiterhin ausgebaut werden. Dann wird herzlich umarmt und jeder geht seiner Wege.

Mir bleibt noch etwas Zeit, mich auf die Spuren von Marco Polo zu begeben, bevor am Abend mein Flug zurück nach Qingdao geht. Aufgrund der vielen Empfehlungen meiner Studenten wähle ich den Westsee für eine kleine Sightseeingtour. Dort angekommen muss ich zweimal blinzeln.

Die Promenade erinnert mich an meine Heimat, den Ammersee. Laubbäume säumen das Ufer, Holzbänke laden zum Verweilen ein, ein Stand verkauft Eis im Becher. Viele Menschen zieht es an diesem Nachmittag hierher: Paare, Familien, Ausländer, Männer mit Hunden und Frauen mit Schirmen. Schiffe und kleine Bötchen schippern über das Wasser. Auch eine Gondel kommt um die Ecke und verbreitet italienisches Venedig-Flair. Im Hintergrund des Sees erheben sich kleine Hügel, die im Wasserdunst fast verschwinden. Ein nettes Örtchen, das Marco Polo vor ein paar hundert Jahren schon entdeckt hatte. Ich hole mir einen Apfel und setze mich auf eine der kleinen Holzbanken ans Wasser.

Analoges Apfelessen mit digitalen Überlegungen

Die zwei Konferenz-Tage schwirren noch in meinem Kopf umher. All die Informationen und Eindrücke, die Menschen und ihre Geschichten. Die Möglichkeiten, die mit der Digitalisierung im Unterricht kommen.

Schon vor 800 Jahren sprach Marco Polo über den technischen Fortschritt Chinas, als er hier in Hangzhou war. Auch heute ist China aus meiner Perspektive Europa um einiges voraus. Wenn da nicht die Sache mit der Firewall wäre. Aber genauso wie eine große Internetmauer vor Fremden schützt, kann sie das eigene Wachstum auch behindern. Vieles, was aufgrund der Forschung vielleicht schon heute möglich wäre, ist es in China eben doch nicht. Das kann ich für den Moment nicht ändern. Und das sollte ich akzeptieren.

Denn bei all den Beschwerden hat es vielleicht auch etwas Gutes, dass nicht jede Seite im Internet funktioniert. So kann ich jetzt – ganz analog und ohne Facebook-Ablenkung – meinen Spaziergang am See fortführen. Dennoch bleibe ich gespannt, wie sich die Internetmauer in Zukunft noch weiterentwickeln wird.

2 Kommentare zu „China digitalisiert?

  1. Hallo Eva!
    Ich bin eher pessimistisch. Meiner Meinung nach wird die Internetmauer in China immer dicker und höher. Vielleicht in meinem ganzen Leben, wenn ich noch 50 Jahre leben kann, bleibt die Mauer da …
    Schöne Grüße
    Bingyu

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