Ausländer – 外国人

Es ist ein heißer Morgen im Juni. Ich habe mich mit einem chinesischen Kollegen verabredet. Wir wollen heute einen Aussichtspunkt von Qingdao besichtigen. Um 9 Uhr treffen wir uns am Fuße des Signal Hills, nicht weit von der Altstadt.

Zu dieser frühen Stunde sind schon viele Menschen auf den Beinen: Familien mit Kindern, Paare, Seniorengruppen. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen und dabei doch auch eine angenehme Ruhe. Ich bewundere den schönen Weg, die Bäume und Blumen, die plätschernden Brunnen mit kleinen Drachenfiguren. Die Natur blüht, die Sträucher sind saftig grün.

Während wir in dieser schönen Umgebung den Hügel hinaufgehen, merke ich auf einmal ein komisches Gefühl in mir aufsteigen. Immer wieder drehen sich Leute zu uns um, sehen mich an, tuscheln. Neben mir höre ich das Klick-Auslösen eines Fotoapparates, das Objektiv unmissverständlich auf mich gerichtet. Köpfe gehen zusammen, schauen in meine Richtung, sprechen leise. Schließlich deutet ein kleiner Junge mit dem ausgestreckten Finger auf mich und ruft aufgeregt: „Wàiguó rén! Wàiguó rén!“ Ich lächle unsicher, unwissend, was er da sagt, aber dankbar, dass er – im Gegensatz zu den anderen – irgendetwas sagt. Er deutet immer noch auf mich, seine Augen sind groß, aber nicht unfreundlich. Ich schaue zu meinem Begleiter, der dem Jungen etwas auf Chinesisch entgegnet. Dann frage ich:

„Was hat denn der Junge gesagt?“

外国人! Ausländer!“

„Oh!“ Ich bin überrascht.

Nicht unbedingt über die Tatsache, dass ich in China als Ausländerin entlarvt werden. (Das war früher oder später zu erwarten 🙂 ). Ich bin überrascht, dass der kleine Junge mitten auf der Straße laut Ausländer ruft und dabei ganz ungeniert auf mich zeigt. Als wäre ich ein Drache aus dem Brunnen, der plötzlich Feuer spuckt. Selbst die Eltern des Jungen sind stehen geblieben und schauen mich nun an.

Aus deutscher Sicht ist eine solche Situation äußerst unangenehm. Eine Person öffentlich mit Ausländer anzusprechen und dann noch mit dem Finger auf sie zu zeigen, das würde mir nie in den Sinn kommen. Das fühlt sich respektlos und diskriminierend an.

Anscheinend ist es das in China aber nicht. Zumindest lassen sich weder mein chinesischer Kollege, noch die Familie des Jungen oder die anderen Chinesen, die mittlerweile um uns herumstehen, etwas anmerken. Alle schauen mich neugierig von oben bis unten an. „Wàiguó rén“, sagt der Junge zum Abschied noch einmal und winkt mir schüchtern zu. Dann gehen alle ihrer Wege, als wäre nichts passiert.

Auch ich gehe verdutzt weiter. Was ist da gerade passiert? Warum findet die Situation außer mir keiner komisch? Und was ist es eigentlich, das mich genau stört?

Einerseits, da bin ich mir sicher, ist es das Wort Ausländer, das mir Bauchschmerzen bereitet. Anderseits ist es auch das große Aufsehen, dass um mich gemacht wird. Wieso drehen sich alle Leute so offensichtlich um? Und warum muss es kommentiert werden, wenn eine Ausländerin in China spazieren geht?

Als erstes hat der Junge natürlich recht. Ich bin ganz klar in China Ausländerin. Ein Ausländer ist jemand, der aus einem anderen Land kommt. Aus der Ferne. Ein Fremder. Er oder sie sieht vielleicht anders aus, verhält sich anders oder spricht anders als die gängige Norm. Wahrscheinlich hat er oder sie eine andere Nationalität, einen anderen Pass, einen fremdklingenden Namen. Andere Gewohnheiten, andere Traditionen, andere Feiertage.

Soweit so gut. Mittlerweile beginne ich selbst an meinem Gefühl zu zweifeln. Warum habe ich bei dem Wort eigentlich so ein mulmiges Gefühl. Bislang kann ich noch nichts Abwertendes an dem Begriff finden. Anders ist zuallererst einfach nur anders. Und dieses vermeintliche anders sein weckt in den Augen des chinesischen Jungens Neugier und Erstaunen. In den Augen vieler Deutscher weckt es hingegen etwas ganz anderes.

Ich vermute, der Grund für mein Magengrummeln liegt darin, mit welchen Situationen und Emotionen ich das Wort verbinde. Und wenn ich dann weiter überlege, ist es wiederum nicht verwunderlich, dass der Ausdruck in Deutschland einen so negativen Beiklang hat. Seit Jahren lesen und hören wir in den Medien von Ausländern, die in der Berichterstattung den negativen Part einnehmen und oft als Buhmann und -frau für jegliches Problem dargestellt werden. Medienlandschaft und Gesellschaft haben ihren Teil dazu beigetragen, dass das an sich neutrale Wort heute eine negative Konnotation hat, ja, als Beleidigung gilt. An den einzelnen Menschen wird dabei schon lange nicht mehr gedacht.

Die negative Assoziation des Begriffs Ausländer ist in China (und übrigens auch in Mexiko) noch nicht angekommen. Ausländer sein ist ein Kapital. Sie werden bewundert. Für ihr Aussehen, für ihre Sprache, für ihr Anderssein. Ausländer sein bedeutet Ansehen. Und eben auch Aufsehen.

Das fällt mir auch ein Wochenende später auf, als ich mich mit ein paar neuen chinesischen Bekannten um 7 Uhr morgens zum Beachvolleyball am Strand treffe. Obwohl ich schon zum dritten Mal in der Gruppe mitspiele, sind die chinesischen (männlichen) Teamkollegen immer noch sehr distanziert. Keiner traut sich wirklich, mit mir zu sprechen. Die meisten lächeln nur verlegen, wenn ich sie auf Englisch oder schlechtem Chinesisch anspreche. Klar, die Sprachbarriere. Natürlich, der Gesichtsverlust. Ja, ich bin eine Frau unter Männern. Aber da ist auch noch etwas anderes.

Die meisten von ihnen haben im Alltag nicht viel mit Ausländern zu tun. Vielleicht haben einige selten oder noch nie mit einer Nicht-Asiatin gesprochen. Sie sind schüchtern und sehen mich, die hellhäutige, 1,77m-große, ausländische Frau fast schon ehrfürchtig an.

Als ich am Ende die Fotos sehe, die an diesem Morgen vom Volleyballspiel gemacht wurden, bestätigt sich mein Verdacht. Viele tolle Spielzüge wurden fotografiert. Ein Sprungaufschlag, ein Block am Netz, Schmetterbälle… Und am Ende: Ein Porträt von mir. Nicht während des Spiels, nicht in Aktion, nicht mit dem Ball. Sondern am Spielfeldrand, untätig wartend. Dafür aber herangezoomt, wie ein Deko-Objekt. Ein Foto zum Herzeigen. Ich höre es schon innerlich: Wàiguó rén.

Ich kann den Grundgedanken verstehen. Träfe ich in meinem bayrischen 4000-Seelendorf auf eine Asiatin, würde ich vielleicht auch zweimal hinsehen. Höchstwahrscheinlich würde die Asiatin heutzutage neben dem Russen, dem Norweger und dem Österreicher aber auch nicht mehr allzu groß auffallen.

Vielleicht könnte meine Großmutter die Situation noch besser nachvollziehen. Sie erzählte mir einmal von den Amerikanern, die nach Kriegsende plötzlich in München auf den Straßen auftauchten. Große, fremde Männer, die eine andere Sprache sprachen und ganz anders aussahen. Damals standen die Menschen vielleicht auch mit offenen Mündern und ausgestreckten Fingern da.

Ich hoffe, der jetzige „Ausländer-Hype“ in China wird in den nächsten Jahren abklingen. Früher oder später werden die meisten sowieso erkennen, dass die westlichen Besucher keine Übermenschen sind. Dass man uns nicht bewundern oder bevorzugen muss, nur weil wir hellere Augen und andere Gesichtszüge haben. Das wir auch nur Menschen sind, nicht klüger, nicht besser, nicht schöner.

Vielleicht erkennen gleichzeitig auch die restlichen Nationen, dass wir grundlegend etwas an unserer Wahrnehmung ändern müssen. Dass bisher nur nach äußeren Kriterien bewertet und dabei das Innere vergessen wird. Wir alle, egal ob Asiate, Europäer, Lateinamerikaner, Afrikaner… haben die gleichen Sorgen und Ängste. Und vor allem die gleichen Gefühle. Die Gefühle, die verletzt werden, wenn man mit dem Finger auf uns zeigt, uns ignoriert oder uns wegen unserer Herkunft und unseres Aussehens anders behandelt. Egal ob in China oder in Deutschland.

Diese Erkenntnis könnte noch ein Weilchen dauern. Bis dahin werden wir wohl oder übel mit Rollenverteilungen wie Wàiguó rén, Gringo oder Zuagroaßte leben müssen.

Trotzdem können wir aber schon jetzt den ersten Schritt tun. Deshalb wünsche ich mir heute von jedem Leser und von jeder Leserin, dass wir aufhören, in Schubladen zu denken und stattdessen unseren nächsten Gegenüber einfach nur als das sehen, was er ist: Ein Mensch.

6 Kommentare zu „Ausländer – 外国人

  1. Waehrend des ganzen Lesens sass ich hier mit einem unangenehmen Gefuehl im Bauch. Auslaender waehrend meines Aufwachens hiess: Kuemmeltuerken vor denen ich gewarnt wurde und das sitzt mir immer noch im Bauch. Und das von Menschen die selber zugereist sind weil sie vom Osten nach dem Westen geflohen sind im Krieg. Schwer nachzuvollziehen.

    Ich finde es auch schwer nachzuvollziehen, dass meine Association immer noch so negative besetzt ist obwohl ich selbst eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht habe als Auslaenderin in USA und Italien. Ignoranz und Ungeduld habe ich schon erfahren, aber wer weiss mit was das zu tun hat.

    Liken

  2. Bei meinen eigenen Reisen habe ich sehr ähnliche Erfahrungen als „Ausländer im Ausland“ gemacht: Im Norden von Bangladesch z.B. erregte ich als „weißer Mann“ viel Aufsehen und war beliebter „Tee-Partner“ und/oder beliebtes Fotoziel – die Kontakte miteinander waren oft amüsierend. In Dörfern Ugandas kamen mir einige Einwohner mit großen Respekt und oft schon Ehrfurcht gegenüber – das war mir hingegen oft unangenehm.

    Mit den Kindern war es dafür „unkompliziert“: Manchmal rissen in Uganda die schwarzen Kinder ihre weißen Augen auf, zeigten mit dem Finger auf mich und riefen: „XXX“ (= Weißer Mann! Weißer Mann!). Nachdem ich es dann gelernt hatte, rief ich mit ausgestrecktem Finger zurück: „YYY“ (= Schwarzes Kind! Schwarzes Kind!).

    Die Kinder lachten, ich lachte (andere Erwachsene auch, falls sie in der Nähe waren) – und alle hatten ein gutes Gefühl 🙂

    Liken

  3. Liebe Eva ….wie immer lese ich deine Berichte mit großer Freude….
    In meinem Herzen sind wir alle Besucher dieser wunderbaren Erde….. wäre schön, wenn wir alle endlich lernen koennten uns entsprechend zu verhalten…
    Ich drücke dich aus Bayern, Claudia

    Liken

  4. Aus Bayern, so so. Das heißt also, Fremde unter Fremden (Karl Valentin) sollten nicht fremd, sondern bekannt sein. – Natürlich kann Ausländer ein wertfreier Begriff sein, eine sachliche Feststellung. Ist es bloß nie. Fast immer schwingt eine WErtung mit. Einerseits traurig, gell, wir sehen nicht den MEnschen an sich, sondern seine Eigenschaften, zunächst die offensichtlichen wie sein uns fremdartig erscheinendes Aussehen. Dann aber auch wieder natürlich: wir kategorisieren, das ist so weit o.k., denn ohne sind wir in den Massen der Eindrücke verloren. Schlimm wirds bloß, wenn wir ein besser oder schlechter automatisiert und unverrückbar anhängen, wo es nur um ein schwarz oder weiß, ein grün oder blau geht, das eben einfach nur eine Eigenschaft ist, hier sogar nur eine Farbe. Große Nase (Ausländer), kleine Nase (vermutlich Han – Chinese)? Solange das einfach nur zur Feststellung dient und man dann mit dem Ausländer vielleicht langsam und deutlich, noch besser englisch spricht, alles gut. In China. Bei uns schon schwieriger, da sehr viele Menschen selbst auf den Versuch der Freundlichkeit unangenehm berührt reagieren. Selten die Betroffenen, als vielmehr das Umfeld. Die dann allen Ernstes meinen, man dürfe nicht nach Herkünften fragen (wie etwa einem kleinen bayrischen Dorf) oder sich um Verständlichkeit bemühen, da es ja sein kann, dass der Angesprochene sehr wohl die Sprache beherrscht, gar nicht von irgendwo weit weg kommt – ja, das ist natürlich wahr. Aber bisher habe ich erlebt, dass sich die meisten gefreut haben und gerne geöffnet haben, wenn ich fragte, woher denn der seltene Nachname komme oder dergleichen.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website auf WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: