Stille Nacht

Von posadas, Weihnachtsmärkten und Sardinen

Es ist schon dunkel draußen, nur die Kerzen in unseren Händen leuchten. Ich stehe mit einer kleinen Gruppe vor einem geschlossenen, großen Eisentor. Hinter dem Gitter in einem Hof steht eine zweite Gruppe. Sie haben ebenfalls Kerzen bei sich. Für einen kurzen Moment ist es still.

Dann beginnen wir vor dem Tor zu singen: „En el nombre del cielo os pido posada. Pues no puede andar mi esposa amada.“ (Im Namen des Himmels bitte ich euch um Herberge. Meine geliebte Frau kann nicht mehr weitergehen.)

Die Gruppe hinter dem Tor antwortet uns in einem tiefen Stimmenchor: „Aquí no es mesón, sigan adelante. Yo no debo abrir, no sea algún tunante.“ (Das hier ist kein Gasthaus, zieht weiter. Ich kann euch nicht öffnen, am Ende seid ihr noch Gauner).

So klingt der Sprechgesang noch acht Strophen im Wechselspiel in die Stille der Nacht hinein, bis die alles entscheidenden Worte fallen: „¿Eres tú José? ¿Tu esposa es María? Entren, peregrinos, no los conocía.“ (Bist du es, Josef? Und deine Frau Maria? Kommt herein, Pilger, ich habe euch nicht erkannt.).

Daraufhin wird das verschlossene Eisentor geöffnet und wir dürfen eintreten. Die Kerzenlichter vermischen sich.

Ich blicke mich um. Der Hof ist rechteckig, ein paar Lampen zeichnen lange Schatten an die Hauswände. Wir gehen eine Treppe hinauf und stehen vor einer kleinen Krippe. Die Figuren von Josef und Maria wurden schon aufgestellt, auch der Ochse, der Esel und die Hirten haben ihren Platz gefunden. Ein paar Schafe und Lämmer versammeln sich in einem äußeren Kreis. Allein die Wiege ist noch leer. Das Christkind kommt erst 4 Tage später, am 25. Dezember. Der Hauseigentümer liest einen kurzen Text. Obwohl ich weit hinten stehe und seine Worte nicht höre, bin ich berührt, wie wir alle still um die Krippe stehen.

Kurz danach geht es wieder zurück in den Hof.

In der Mitte über unseren Köpfen hängt jetzt eine Piñata – ein bunter, sieben-zackiger Stern aus Pappmaschee, die mit Süßigkeiten gefüllt ist. Jede Zacke – so sagt man, steht für eine der Sieben Todsünden. Die Piñata bewegt sich leicht von links nach rechts. Die Papierstreifen an den Zacken-Enden rascheln im Wind.

Wir bilden einen großen Kreis. Der Hauseigentümer holt nun ein Tuch hervor und verbindet damit dem Nebenmann die Augen. Dann wird dieser in die Mitte des Kreises, genau unter die Piñata geführt und beginnt, blind und mit einem Stock bewaffnet, auf den Stern zu zielen. Symbolisch kämpft er so gegen die sieben Sünden und – falls er den Kampf gewinnt und ein Loch in die Pinata schlagen kann, wird er mit Süßigkeiten belohnt. Die Menge ruft dazu im Chor: Dale, dale, dale, no pierdas el tino

Dem ersten folgt nun ein zweiter Mann, dem die Augenbinde und der Stock gereicht werden. Am Ende gelingt es aber einem Mädchen, die Piñata zu treffen und mit einem harten Schlag zu öffnen. Während die Süßigkeiten zu Boden purzeln, stürzen die Zuschauer in die Mitte und füllen eifrig ihre Hosentaschen.

Damit endet die posada in meiner Tanzschule in Cholula, Mexiko, 2018.

Heute, ein Jahr später, erinnere ich mich an diese besondere Tradition aus der Vorweihnachtszeit in Mexiko. Mexiko wurde in der spanischen Kolonialzeit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert stark von christlichen Werten und Traditionen geprägt. Und das ist auch noch heute deutlich zu spüren. Überall finden sich Kirchen und Klöster aus der Kolonialzeit wieder. Und auch viele der kirchlichen Bräuche, die wir in Europa kennen, werden bis heute in Mexiko gepflegt. Wichtige kirchliche Feiertage wie Ostern und Weihnachten werden gefeiert, es gibt kirchliche Taufen, Hochzeiten, Bestattungen. Sonntags geht die Familie in den Gottesdienst (natürlich nicht jede, aber gefühlt doch mehr als in Deutschland) und am 6. Januar kommen die Heiligen drei Könige.

In China ist die Glaubens-Situation eine andere, wie ich schon zu Ostern berichtete. Die meisten Menschen im Reich der Mitte glauben an keinen bestimmten Gott, eher ist es eine Mischung aus dem Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus. Kirchen sieht man in China selten. Qingdao ist da vielleicht eine kleine Ausnahme – hier gibt es noch drei, die alle aus der deutschen Kolonialzeit (1898-1919) stammen.

Kirche in Qingdao

Vor diesem Hintergrund stellt sich dann auch nicht mehr die Frage, warum in China kirchliche Feiertage wie Ostern und Weihnachten kaum bis gar nicht gefeiert werden. Es ist schlichtweg kein christlich geprägtes Land. Somit sind die Weihnachtstage 24.-26. Dezember hier ganz normale Arbeitstage. Man geht zur Schule, in die Uni, in die Arbeit. Die Geschäfte haben geöffnet, es ist Alltag.

Und das ist neu für mich. Es ist neu, Weihnachten in einem Land zu verbringen, wo nicht innegehalten und an die Geburt Jesu gedacht wird. Wo Heiligabend ein Tag wie jeder andere ist. Es ist ein komisches Gefühl, so kurz vor Weihnachten auf die Straße zu gehen und keine Weihnachtslieder zu hören oder Weihnachtsdekoration zu sehen. Das einzige, was mich dieser Tage an Weihnachten erinnert, ist mein kleiner Plastikbaum auf dem Wohnzimmertisch und die Weihnachtsplätzchen im Ofen.

Bei diesen Gedanken beginne ich mich zu fragen, welchen Part ich hier, weit weg von all den heimatlichen Traditionen, an Weihnachten wirklich vermisse. Sind es die Weihnachtsmusik, die Christbaumkugeln und das Lametta in den Geschäften? Oder ist es das weihnachtliche Gefühl, dass sich langsam im Advent einstellt, wenn es früher dunkel wird und man Abends die Kerzen am Adventskranz anzündet? Welchen Teil möchte ich – egal wo auf der Welt ich mich gerade befinde, weiterhin pflegen? Und was bleibt, wenn die ganzen gesellschaftlichen Weihnachtsbäume – ähh… Weihnachtsbräuche wegfallen, denen ich seit meiner Kindheit nachhänge?

Als Anfang Dezember die deutsche Community einen Weihnachtsmarkt auf einem kleinen Platz im alten deutschen Viertel Qingdaos veranstaltet, bietet sich mir die Gelegenheit, dieser Frage nachzugehen. Ich besuche den Markt zusammen mit ein paar Studenten. Zwischen großen Villen und alten deutschen Herrenhäusern wird eine bunte Mischung an Glühwein, Bratwurst, französischem Baguette, belgischer Schokolade und chinesischen Dekorationsartikeln angeboten. Dazu werden Weihnachtslieder gesungen und abends leuchten die bunten Lichter. Mit Jesu Geburt hat das nicht viel zu tun. Ähnlich wie das Tollwood in München oder die vielzähligen anderen Weihnachtsmärkte in Deutschland. Aber schön ist es irgendwie trotzdem, im Kalten unter Sternengirlanden zusammenzustehen und heißen Punsch zu trinken. Ich erinnere mich an die vielen andere Male, als ich mit Freunden und Familie auf dem Christkindlmarkt zusammengekommen bin. Die Lichter, die Kälte, die Freude – all das hat schon etwas Weihnachtliches. Egal ob in Deutschland oder in China.

Als dann aber immer mehr Leute auf den Qingdaoer Weihnachtsmarkt kommen und wir wie die Sardinen zusammengequetscht durch enge Gänge geschoben werden, bin ich mehr als bereit, wieder nach Hause zu gehen. Jetzt kann ich mich auch erinnern, dass mich diese Menschenmassen schon auf deutschen Weihnachtsmärkten tierisch angestrengt haben.

Eng wie in der Sardinenbüchse ist der Weihnachtsmarkt dann nicht mehr so schön

Weihnachtsmärkte haben manchmal nicht mehr viel mit Weihnachten gemein, stelle ich fest. Ebenso wenig, wie so manch ein Weihnachtslied, das ich seit der Grundschulzeit singe. Oder sonstiges Weihnachts-Brimborium. Vielleicht ist es also mal ganz gut, jetzt in China ein Jahr auf all das zu verzichten. Und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wo ich wieder bei der Frage wäre: Was ist für mich das Wesentliche an Weihnachten? Weihnachtsmärkte, Jingle Bells und Lametta eher nicht.

Vor zwei Wochen kam dann eine zweite Frage auf: Wie möchte ich Heiligabend verbringen? Alleine, in Gesellschaft, auf einem Weihnachts-Konzert oder was sonst noch alles angeboten wird? Am Ende entschied ich mich dafür, selbst zu einem Weihnachtsessen einzuladen. Bei mir Zuhause, in meiner Wohnung. Ein kleines Essen für die anderen Deutschlehrer und ein paar Freunde. Ein gemütliches Beisammensein. Ein gemeinsames Essen.

Und mit dieser Entscheidung kam die Antwort auf meine erste Frage – ganz plötzlich und unvorhergesehen. Denn am Ende ist es genau das, was Weihnachten für mich bedeutet und was ich mir an Weihnachten bewahren möchte: Das Teilen. Teilen von Zeit, Teilen von Essen, Teilen von Freude.

Traditionen, Dekorationen und Lieder sind schön und können gewiss auch Freude bringen. Aber im Grunde geht es für mich auch gut ohne. Was es für mich braucht ist eigentlich ganz simpel: eine kleine posada/Herberge, eine offene Tür und ein paar Menschen zum Teilen – egal wo.

3 Kommentare zu „Stille Nacht

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen, auch wenn ich nicht selber einlade sondern Christa’s Einladung folge. Mich hat das „weihnachtliche“ Gefuehl auch starkt beschaeftigt. Ich bin gerade aus Bielefeld/Wien zurueck u.a. weil ich nach 25 Jahren noch einmal das Weihnachtsmarktgefuehl erleben wollte und auch die typischen weihnachtlichen Genuesse. In Bielefeld hat mich das Gedraenge total genervt und in Wien war es sehr schoen mit sehr geschmackvoller Weihnachtsdekoration ueberall und ich habe es genossen.

    ABER mit Weihnachtsgefuehl hatte das alles nichts zu tun. Ich bin in ein paar kleineren Kirchen gewesen, die alle sehr prunkvoll waren. Frueher habe ich das verurteilt, aber diesmal hat es mich beruehrt und ich bekam eine vage Ahnung, dass Menschen versuchten die Fuelle Gottes, die ihren Hoehepunkt in Jesu Geburt hatte, zum Ausdruck zu bringen. Wie immer das fehlgelenkt, fehlgeschlagen ist spielt keine Rolle, der Inhalt bleibt.

    Mich hat auch die Gnade beschaeftigt, die ich immer wieder erfahre trotz mir und all meinem daneberliegen. Es daemmerte mir dann, dass meine Sehnsucht nach dem Wahren (jetzt war mir gerade ein Schreibfehler unterlaufen und ich starrte auf das Wort „Waren“) die Gnade heranzieht und dass das auch Jesu herangezogen hat.

    Frohe Weihnachten und vielen Dank fuer dein fortwaehrendes Teilen.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Gabriele, danke für deinen Kommentar! Ich bin beim Lesen kurz auf Gedankenreise mit nach Wien und Bielefeld gekommen.
      Und was für ein passender Tippfehler mit „Sehnsucht nach Waren“ – gerade zum Kaufrausch an Weihnachten.
      Ich wünsche euch einen schönen Abend bei Christa und grüße euch aus der Ferne!

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  2. Weihnachten hat lange Zeit für mich folgendes bedeutet: Familie / Freunde, Essen und Geschenke. Und der Besuch der Messe. Je älter ich wurde, kam dann noch folgendes hinzu: Stress.

    Der eigentliche Grund von Weihnachten – das Christkind – wurde vom Weihnachtsmann verdrängt. „Besinnlich“, wie es oft zu Weihnachten gewünscht wird, war das nicht.

    Genau dahin möchte ich wieder zurückkehren: Zum Besinnen der Weihnachtszeit. Zum Christkind.

    Verbunden mit dem Wunsch zu Teilen.

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