Touris, Tuktuk, Thailand

Ein Land mit vielen Gesichtern

Anfang Januar fallen die Temperaturen in Qingdao das erste Mal unter Null Grad und ein paar einsame Schneeflocken bahnen sich ihren Weg durch die graue Wolkendecke hinunter auf den Asphalt, wo sie sofort wieder schmelzen.

Es wird kalt und mit der Kälte kommt der Smog, der bis dato noch zurückhaltend war. Der Luftqualitätsindex AQI, der über verschiedene Luft-Werte informiert, schießt plötzlich fast täglich über 200, was als „sehr ungesund“ eingestuft wird. Ich kaufe mir eine Atemmaske, mit der meine Brille ständig beschlägt, von der Nase rutscht oder sich mit den Gummihaltern verhakt. Äußerlich könnte ich nun bei den Stormtroopers vorsprechen. Höchste Zeit, die Stadt zu verlassen.

Wie gut, dass die chinesischen Semesterferien kurz vor der Tür stehen und der Flug nach Thailand schon gebucht ist. Raus aus den Minusgraden und rein ins 30 Grad heiße thailändische Tropenklima. Erneut schließe ich die Wohnungstür hinter mir ab, um ein neues Land Asiens kennenzulernen. Nun denn, Zàijiàn China und Sawad-Dii Ka Thailand!

Ich bin aufgeregt. Es ist meine erste Reise nach Thailand und obwohl ich in Südamerika mit dem Rucksack unterwegs war, auf drei verschiedenen Kontinenten gelebt habe und immer wieder allein ins Abenteuer aufbreche, werde ich vor Reisen immer noch nervös. Ob das wohl je aufhört? Oder gehört die Nervosität einfach zum Aufbruch dazu, so wie Imodium-Akut in die Reiseapotheke?

Nervosität hin oder her – Flug und Einreise verlaufen problemlos. In Bangkok angekommen, treffe ich T., die schon im Hotelzimmer wartet. Den ersten Teil meiner Reise haben wir zusammen geplant. T. und ich kennen uns aus Mexiko. Sie ist, ähnlichen Gedanken nachhängend wie ich, dem kalten Deutschland entflohen, um die thailändische Kultur, aber auch die weiten Sandstrände der hiesigen Inseln zu erkunden.

In Bangkok haben wir ein Hotel nahe der Khaosan Road gewählt. Das unter vielen Travellern beliebte Viertel liegt zwar nicht im Zentrum Bangkoks, ist aber dennoch ein guter Ausgangspunkt, um tagsüber durch kleine Gassen zu schlendern oder sich in den Park am nahegelegenen Fluss Chao Phraya zu setzen und mit den Taxibooten die Stadt flussauf und -abwärts zu besichtigen. Was wir denn auch machen.

Es ist heiß und etwas stickig, einstweilen lassen wir es langsam angehen. Für den kleinen Hunger zwischendurch finden wir Essens- und Saftstände an jeder Ecke. Und – was mir spätestens an diesen kleinen Orten bewusst wird: Die Thais sind ein überaus freundliches Volk. Bei jedmöglichem Zusammentreffen werden wir mit einem gesungenen Sawad-Dii Ka (Frauen) und Sawad-Dii Krab (Männer) begrüßt und mit einem ebenso herzlichen Lächeln beschenkt.

Obwohl es eine Millionenstadt ist, wirkt Bangkok so fast schon idyllisch und entspannend auf mich. In unserem Viertel gibt es keine Hochhäuser, wie ich es aus den meisten Städten Chinas gewohnt bin. Stattdessen sitzen vor vielen kleinen Häusern ältere Menschen barfuß auf Hockern, lächeln uns an und wünschen ein „Happy New Year-Ka!“. Ich fühle mich willkommen und wohl.

Dieser heile Welt-Schein, den ich tagsüber von Bangkok gewonnen habe, löst sich mit Einbruch der Dunkelheit allerdings abrupt auf. Erneut vom Hunger getrieben, wandern T. und ich zur Khaosan-Road zurück, wo es viele Restaurants gibt. Mehr noch als Restaurants finden wir allerdings Menschen jeglicher Nation. Auf der schmalen Straße wuselt es nur so von Touristen und Backpackern aus der ganzen Welt. Es wird getrunken, gegessen, gelacht, getanzt und geflirtet. So stelle ich mir den Ballermann auf Mallorca vor. Heiß, laut und grell. Zu viel von allem.

Und auf einmal fühle ich mich nicht mehr wie in Thailand. Von links nach rechts gedrängt lärmt die Musik aus drei verschiedenen Richtungen, betrunkene Touris und feilschende Verkäufer sprechen uns von allen Seiten an. Nach einem kurzen Abendessen an einem etwas abgelegeneren Stand treten wir geschafft den Rückzug an.

Das soll uns fürs Erste an Stadt-Eindrücken reichen.

Noch mit den Bildern der vielen Khaosan Road-Touristen im Kopf, geht es am nächsten Morgen weiter auf die Insel Koh Lanta. Mit dem Minivan und der Autofähre setzen wir über und erblicken bei Ankunft kristallklares, türkis- bis dunkelblaues Wasser und weiße Sandstrände. Und dann – oh Schreck: Touristen! Auf den Straßen, in den Cafés, am Strand, überall tummeln sie sich mit ihren Backpacks und Sportsandalen, mit Kinderwägen und Kraxen, Sonnenbrand auf weißer Haut.

Auch wenn viele Menschen in alle Richtungen unterwegs sind, fehlt mir irgendetwas, als ich vom Auto aus die Leute beobachte. Ich sehe Familien, Pärchen, gemischte Gruppen, Alleinreisende…

Aber… Wo sind die Thailänder? Außer vereinzelt hinter den Kassen oder an Hoteleinfahrten stehend, finde ich keine. Nur Touris und westlich aussehende Menschen so weit das Auge reicht. Das macht mich nachdenklich. Denn an Mexikos Stränden haben durchaus auch Mexikaner Urlaub gemacht.

Wieder überkommt mich das Gefühl, das ich schon am ersten Abend auf der Khaosan Road hatte: Bin ich hier wirklich in Thailand? Ich bin unter Ausländern, höre Englisch, Französisch und Deutsch, an der Ecke steht ein 7-Eleven. In Restaurants sind die Karten auf Englisch, der Straßenimbiss verkauft Pizza mit „original German Wurst“ und manche Preisangaben sind in Euro. Alles dreht sich um die Wünsche des Touristen. Thailand hat sich angepasst. Auch an mich. Denn schon am zweiten Tag folge ich den Schildern, die „real coffee“ versprechen.

Es kommt mir alles wie in einer Fake-World vor, gemacht für mich: den Touristen. Als wir weiter nach AoNang reisen, verstärkt sich dieses Gefühl.

Die Strände und das Meer, das Essen und die Leute, alles ist nett. Doch als mir ein deutscher Tourist sagt, er fände die thailändische Kultur so toll, habe ich das Gefühl, eigentlich gar nicht zu wissen, was diese genau ausmacht. Anpassungsfähigkeit vielleicht?

Während ich noch grüble, heißt es für T. schon wieder Abreise. Wir verabschieden uns am Flughafen in Bangkok.

Ich möchte Ende Januar nordwestlich von Bangkok einen Meditations-Kurs machen. Davor bleiben noch ein paar Tage, um in eine andere Stadt zu fahren. Ich recherchiere und blicke auf die Karte. Circa drei Stunden entfernt von Bangkok liegt Kanchanaburi. Auf dem Weg zum Kurs. Das klingt gut. Und ich steige noch einmal in den Minivan.

Schon auf der Fahrt merke ich, dass etwas anders ist. Zum einen bin ich die einzige, mit großem Gepäck. Und zum anderen die einzige Nicht-Thai. Ein First in Thailand!

Die kleine Stadt Kanchanaburi liegt am Fluss Kwai. Historisch gewann die Stadt im zweiten Weltkrieg an Bedeutung, als Japan von Kriegsgefangenen und Einheimischen eine Zugverbindung nach Myanmar bauen ließ, die bei Kanchanaburi über den Kwai führte. Unter schrecklichsten Arbeitsbedingungen kamen schätzungsweise 100.000 Menschen um ihr Leben, weshalb die Zugverbindung auch Todeseisenbahn genannt wird. Heute verkehrt der Zug überwiegend touristisch genutzt zwischen Bangkok und der Provinz Kanchanaburi, wo mit Museen und einem Friedhof an die Opfer gedacht wird.

Viel mehr als ein paar Eckdaten über die historischen Geschehnisse weiß ich nicht, als ich die Stadt betrete. Aber mein Gefühl hält an. Hier ist es anders.

Auf einem kleinen Spaziergang schaue ich mich um. Es ist stickig. Die Smog-Messung zeigt über 200 an, die Sicht ans gegenüberliegende Ufer ist trüb. Ich gehe die Hauptstraße entlang. Sie ist dreckig, Scooter und Tuktuks rasen an mir vorbei, hupen. Die Stimmung drückt, als läge die Geschichte der Stadt schwer auf ihr. Die Leute blicken mich an, nur manche lächeln. Einige westliche Männer sitzen mit Bierflaschen in der Hand allein in den Bars. Die Blicke sind leer.

Und während ich gehe, bedrückt von der Atmosphäre und den neuen Eindrücken, die so grau scheinen wie die Winterwolken über Qingdao, wird mir langsam klar, wie unglaublich viele Gesichter Thailand hat. Und das Kanchanaburi eines davon ist, ein sehr greifbares.

Die Mehrheit der Touristen (und ich schließe mich nicht aus) wählt wohl am liebsten die perfekte Strandwelt als Bleibe. Mit einer Liege im Halbschatten und einer leichten Meeresbrise. Weicher Sand, blaues Meer, kalte Kokosnuss und – denn er darf zum Frühstück nicht fehlen: frisch gebrühte Arabica Bohne.

Das staubige Kanchanaburi und seine nebeligen Geschwister haben noch einen langen Weg vor sich, bis sie in die Fake-World aufgenommen werden. Und das ist vielleicht auch ganz gut so. Bis dahin kann der Besucher Thailands noch wählen, was er von diesem vielseitigen Land sehen möchte. Und ob er nicht doch auch an grauen Orten ein bisschen Farbe finden kann.

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