Du hast die Wahl

Letzte Woche telefonierte ich mit O.

O ist Mitte 30, kommt wie ich aus Deutschland und ist wie ich seit Anfang Februar in seiner alten Heimat in Deutschland „gestrandet“. Im Moment wohnt er in seinem alten Kinderzimmer bei seinen Eltern. Seine Wohnung, seine Kleidung, sein ganzes Hab und Gut ebenso wie sein monatliches Gehalt sind in China geblieben.

Wie viele Auswanderer um mich herum wurde auch O. im Februar, als der Corona-Ausbruch in China bereits in vollem Gang war, vor die Wahl gestellt: Willst du in China bleiben oder gehen? Entscheide dich. Jetzt!

Er entschied sich – wie ich und ein großer Teil meiner restlichen Bekannten, fürs Gehen.

Und nun, vier Monate später, sitzen O, ich und all die anderen, die gegangen sind, noch immer in Deutschland, Spanien, Italien, Südafrika, USA, Kolumbien, Russland, Pakistan oder Indien. Wir alle vermissen unsere Wahlheimat China, unsere Wohnungen, unsere Freunde, unseren Job. Niemand von uns dachte, dass wir so lange ausbleiben würden. Und wir alle fragen uns, wie es wohl weitergeht.

Denn: China hat am 28. März seine Grenzen für Ausländer geschlossen. Bis auf Weiteres darf keiner von uns mehr einreisen. Unser Visum wurde über Nacht ungültig und China somit auf einen Schlag unerreichbar.

Wer darf noch rein?

Wann, wie und ob wir zurückkönnen, bleibt ein großes Fragezeichen. Vorerst schweigt die chinesische Politik diesbezüglich. Sie hatte aufgrund einer zweiten Corona-Welle im März, die – so heißt es – in China hauptsächlich von zurückkommenden Ausländern ausgelöst wurde, die Grenzen geschlossen. Seitdem bleibt jedem Ausländer – egal, ob er seit zwölf Jahren in China lebt oder dort Geschäftsführer einer Firma ist, die Einreise in das Land der Mitte verwehrt. Zwar finden Gespräche zwischen China und einigen anderen Ländern statt und es scheint auch Lockerungen zu geben, z.B. für den südkoreanischen Nachbarn oder wirtschaftlich unabdingbare Experten. Dennoch bleibt die Grenze für die allermeisten Ausländer bis dato zu.

Während in China nun die Firmen, Schulen und Universitäten langsam wieder öffnen und den Betrieb aufehmen, stehen O, ich und die anderen vor verschlossenen Türen. Die gleichen Fragen kreisen in unseren Köpfen: Wie lange noch bis zur Grenzöffnung? Tage, Wochen, Monate? Erst nächstes Jahr? Sollten wir uns langsam neue Kleidung kaufen? Uns vielleicht nach einer neuen Wohnung, einem neuen Job umsehen? Niemand weiß nichts und diese (Un)Gewissheit macht es nicht leichter.

Online-Unterricht aus der Ferne

O geht damit überraschend gelassen um. Fast optimistisch erzählt er mir über seinen neuen Alltag. Statt zu verzweifeln, von was er ohne Geld (seine chinesische Bankkarte funktioniert in Deutschland nicht) und ohne Job (er kann nicht wie ich online von Deutschland aus arbeiten) machen soll, erfreut er sich an der neugewonnen Zeit. Er genießt lange Waldspaziergänge mit seinen Eltern, findet Muse zum Lesen und um kreativ zu sein. Die Ausnahmesituation beeindruckt ihn nicht, sie beflügelt ihn. Er ist sich, so beteuert er am Telefon, der Situation bewusst und er wählt, das Beste aus ihr zu machen.

Ich bin skeptisch. Woher nimmt er nur diese Positivität? Und wie kann ich sie bekommen?

Ich muss zugeben, verglichen mit O sind meine Bedingungen in Deutschland sogar besser. Mein Onkel hat mir sein Apartment vorübergehend überlassen, ich habe Geld, genug zu essen, und ein Naherholungsgebiet vor der Nase. Ich bin gesund, habe Arbeit und einen Garten, den ich bepflanzen darf. Und für all das bin ich unendlich dankbar. Dennoch fühle ich mich oft nur halb so zuversichtlich wie O.

Obwohl ich es im Grunde sehr ähnlich angehe, wie er. Ich spaziere auch durch den Wald, ich bin kreativ (erst gestern habe ich gelernt, Masken zu nähen und heute habe ich mein erstes Muster gestickt), ich lese, mache Yoga und gehe joggen. Ich pflanze mit der Oma Tomaten und unternehme mit meinem Vater Radltouren. Aber die Momente der Zufriedenheit sind rar und meist von kurzer Dauer.

Es hat am Ende nichts mit meinen Aktionen zu tun oder wie viel ich mache, erkenne ich. Ich kann noch so viel „Tolles“ nähen, backen, pflanzen, machen. Es macht mich nicht zufriedener. Denn: Es ist (mal wieder) meine innere Einstellung, die mir einen Strich durch die Zufriedenheits-Rechnung macht. Bei allen kreativen, entspannenden und vitalisierenden Tätigkeiten bleibt eine Stimme in meinem Kopf zurück, die mich beständig daran erinnert: Eigentlich solltest du doch jetzt in China und nicht in Deutschland sein! In deiner Wohnung, bei deinen Studenten!

Selbst nach vier Monaten fällt es mir manchmal immer noch schwer, zu akzeptieren, dass China im Moment nicht ist. Ich hänge so sehr an meinen Pre-Corona-Plänen, dass ich mir damit oft selbst das Hier und Jetzt vermiese.

Und so geht es auch I. I ist wie ich Lehrer an einer chinesischen Universität und kann im Moment wie ich online unterrichten. Auch er lebt seit Februar bei seiner Mutter und ist ähnlich unverhofft zu einem Daueraufenthalt in Deutschland gekommen. Am Anfang war das noch schön, meint er, alte Freunde treffen, im Schulschwimmbad Runden ziehen, in der Stammkneipe ein Bierchen trinken. Aber dann war auch das alles ausgekostet, die Ausgangsbeschränkungen kamen und I wurde unruhig. Jetzt will er zurück in sein „altes“ Leben, in seine chinesische Routine. Er vermisst seinen Roller, die Ausflüge am Wochenende, seine Unabhängigkeit. Und er vermisst C.

C ist Chinesin und während I im Februar für zwei Wochen seine Familie in Deutschland besuchen wollte, blieb C in China. Dass aus den zwei Wochen nun vier Monate der Trennung wurden, hatte niemand geahnt. I und C telefonieren oft. Aber all das ersetzt nicht die Nähe, die sie im normalen Alltag genießen. Die plötzliche Fernbeziehung wurde ihnen aufgezwungen. Und auch ihnen fällt es schwer, das zu akzeptieren. Aber es hilft nichts: Vorerst bleiben sie räumlich getrennt.

Viele andere Menschen befinden sich in einer ähnlichen Situation wie O, I und ich. Corona hat uns an neue, unerwartete und in manchen Fällen vielleicht unerwünschte Orte gebracht. Familien und Freunde wurden getrennt. Viele können nicht dort sein, wo sie gerne wären. Die Pläne von so manchem wurden durchkreuzt, bei einigen mehr als bei anderen. Sei es die abgesagte Reise, der Besuch bei der Familie, das verlorene Projekt, die Kündigung oder Schlimmeres – jeder spürt auf irgendeine Art und Weise die Konsequenzen der Corona-Krise. Viele werden sie auch noch lange in der Zukunft spüren. Und einigen fällt es schwer, damit umzugehen. Keiner weiß, wie es weitergeht und genau daran kann man leicht verzweifeln.

Auch ich bin an manchen Tagen an der Ungewissheit verzweifelt. Ich hatte ein ständiges „Ich will nicht mehr!“ in mir. Ich war wütend auf die Situation, wütend auf die Konsequenzen und letztendlich wütend auf mich, das ich wütend war. Ich wollte, dass „alles“ endlich aufhörte, dass ich zurück zu meinem „normalen Leben“ in China könnte, dass es wie zuvor sei. Dieses Gefühl nimmt von Tag zu Tag ab. Und das Gespräch mit O hat einen großen Teil dazu beigetragen.

Denn O hat mir gezeigt, dass man auch in schwierigen Lagen die Sonnenseite des Lebens wählen kann. Und dass er dies bewusst tut. Egal, an welchem Ort wir auch sind, wir können ihn zu UNSEREM Ort machen. Und auch wenn uns die derzeitige Situation von engen Freunden und geliebten Menschen trennt, sie bringt uns bestimmt auch wieder anderen näher. Das zu sehen, ist nicht immer einfach, vor allem, wenn alles um einen herum dunkel und aussichtslos erscheint. Aber irgendwann kommt vielleicht der Moment in dem wir erkennen:

Trennung auf der einen Seite – Begegnung auf der anderen

Es liegt an uns, was wir aus der Situation, die uns gegeben, vielleicht sogar geschenkt wurde, machen. Wir haben es in der Hand. Wir können wählen, ob wir frustriert alten Plänen nachtrauern und somit auf ewig mit dem Hier und Jetzt unzufrieden bleiben. Oder ob wir ins kalte Wasser springen und uns auf ein neues, ungeahntes Abenteuer einlassen.

Ins kalte Wasser springen … oder sich vorsichtig rantasten 😉

Die jetzige Allgemeinsituation können wir nicht ändern. Aber unsere Einstellung zu ihr. Und daran möchte ich alle – allen voran mich selbst, nachdrücklich erinnern: Sei wie O!

Du hast die Wahl!

2 Kommentare zu „Du hast die Wahl

  1. Habe mit Interesse gelesen, liebe Eva. „Dein Wille geschehe“ ist kein einfache Lektion. Der Widerstand gegen das was ist, läßt uns nicht leicht das Leben leben, das gerade ist. Das Gebet:

    God, grant me the serenity
    To accept the things I cannot change;
    Courage to change the things I can;
    And wisdom to know the difference.

    ist für uns alle und jeden Tag – alles Liebe Christa

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website auf WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: