Biergartengespräche

Der Sommer ist da. Endlich. Die Mittagssonne strahlt hell vom blau-weißen Himmel herab und spiegelt sich glitzernd im türkisfarbenen See wieder. Die bunten Segelboote tummeln sich draußen auf dem Wasser und ziehen kleine Wellen hinter sich her. Nahe des Ufers balancieren Paddler auf ihren Stand-up-Brettern, Seite an Seite mit einigen Schwimmern, die genüsslich ihre Runden im kühlen Nass ziehen. Es ist einiges los hier am See, und dennoch herrscht eine angenehme Ruhe und ausgewogene Gelassenheit. Hach. So schön kann die Welt sein.

„Zwei Radler-Maß, bitschee!“, tönt es vor mir. Ich löse meinen Blick wieder vom Postkarten-Panorama, das sich vor mir wie eine unechte Traumlandschaft auftut und antworte geübt und ohne einen Blick auf die Preisliste: „Jawohl! Des macht 15,60“.

Als ich das Wechselgeld durch den Spalt unter der Plexiglasscheibe hindurch herausgegeben und Namen und Telefonnummer des Gastes auf einer Registierungsliste, die seit Corona dazu gehört, notiert habe, greife ich hinter mich und ziehe zwei gläserne Bierkrüge zu mir an die Schenke. „Nur ein Auge Limo! I mogs ned so siaß“, wird mir noch gesagt, dann lasse ich zuerst die Zitronenlimonade, circa 5 Zentimeter hoch, und dann das Bier einlaufen. Als sich eine luftige Schaumkrone leicht über den oberen Rand des Einliterkruges wölbt, schließe ich den Zapfhahn und reiche dem Gast mit einem freundlichen „Zum Wohl“ seine Bestellung.

Wer hätte das gedacht?! Da stehe ich also, im idyllischen Biergarten am Starnbergersee, im rot-weiß karierten Trachtenhemd und hellbrauner Lederhose und zapfe Bier. Wer meine früheren Blogeinträge ein bisschen verfolgt hat, wird jetzt die Stirn runzeln. Was ist da passiert? War sie nicht eben noch in China, oder in Mexiko?

Ja, so schnell kann es gehen. Nachdem China seine Grenzen coronabedingt für Ausländer immer noch geschlossen hält und meine Rückreise weiterhin fraglich bleibt, wurde Oberbayern kurzfristig um ein Boarischs-Madl reicher. Und da ein Leben im wunderschönen, aber auch sehr teuren Münchner-Umfeld finanziert werden muss, stehe ich, wenn nicht gerade im Online-Unterricht für meine chinesischen Studierenden, nun als als Servicekraft im neueröffneten Biergarten in Tutzing und verkaufe Bier und Brotzeit.

„Ein Auge Limo. Das hab ich ja noch nie gehört!“, sagt jetzt V mit leicht skeptischem Ton. Er steht neben mir an der Theke und trägt einen dunkelgrünen Hirtenhut auf dem Kopf, der zusammen mit seinem langen Ziegenbart perfekt in die Kulisse passt. V kommt zwar nicht aus Bayern, hat sich aber nicht nur optisch gut in seine neue Umgebung integriert. Seit drei Jahren lebt er schon in Tutzing, arbeitet im Biergarten und spricht ziemlich gut Deutsch. Ursprünglich kommt er aus Rumänien, wo auch seine beiden Töchter leben und seit diesem Jahr an einer Uni Mathematik und BWL studieren. Er ist stolzer Papa und zeigt bei jeder Gelegenheit ein Foto seiner Töchter. Das letzte Mal, dass er in Rumänien bei Ihnen war, ist aber schon eine Weile her. Und jetzt, mit Corona, ist ein baldiger Besuch wieder weiter in die Ferne gerückt.

Der nächste Kunde taucht vor der Plexiglasscheibe auf, sein Tablett beladen mit einem Schweinshaxen und Kartoffelsalat. „Wo kann ich des denn bitte zahaahlen?“, fragt er mich mit einem ungeduldigen Blick. Ich deute auf die Außenkasse direkt vor ihm, wo meine Kollegin M unübersehbar unter einem blauen Schirm sitzt und ihm schon freundlich zuwinkt. Er schaukelt mit seinem vollen Tablett zu ihr hinüber, wird kassiert und zieht dann zu einem Biertisch.

M, eine Kollegin, die kurz nach mir im Biergarten angefangen hat, winkt mich zu sich. „Du, sag mal, kann ich heute früher gehen? Ich habe gestern Nacht wieder nur sechs Stunden geschlafen.“, sagt sie und schiebt sich dabei eine ihrer roten Strähnen hinter das Ohr. „Klar, kein Problem. Ich bleibe länger.“, antworte ich. „Aber wieso schläfst du immer so wenig?“

„Naja, ich wohne zurzeit auf dem Sofa meiner Freundin. Und die wohnt im Norden von München und mit dem Auto brauche ich…“ „Auf dem Sofa?“, unterbreche ich sie. „Wieso das denn?

„Weil ich doch eigentlich gar nicht in Deutschland wäre!“

Überrascht schaue ich sie an. M ist ein gutes Stück kleiner als ich, hat Sommersprossen auf der Nase und rote Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden trägt. Zunächst wirkt sie ein wenig unscheinbar, aber das täuscht, wie ich jetzt herausfinde.

„Na, ich wohne eigentlich in Afrika, in Nigeria. Ich betreue dort ein Schulprojekt. Über die Human Stiftung (Better Place Afrika) sammeln wir in Deutschland Schulränzen und andere Schulmaterialien und bringen sie den Schülern und Schülerinnen in Nigeria. Dafür fliege ich ein paar Mal im Jahr nach Deutschland.“ Sie stoppt kurz, seufzt und fährt dann fort: „Am 16. März bin ich also nach München geflogen, um neue Sachspenden abzuholen. Ich wollte nur kurz in Deutschland bleiben und dann gleich wieder nach Nigeria zurückfliegen. Aber dann“, M blickt mich leicht verärgert an, „wurden am 17. März die Einreisebeschränkungen erhoben. Auf einmal gab es eine weltweite Reisewarnung und mein Rückflug nach Nigeria wurde storniert. Und jetzt darf ich mit meinem Visum nicht mehr einreisen. Nur noch Einheimische dürfen zurück, ich nicht. Seitdem sitze ich in München auf dem Sofa meiner Freundin fest.“

Ich bin baff. Hier am Starnbergersee, in Tutzing, im Biergarten, begegne ich einer zweiten Gestrandeten. Ich schaue sie ungläubig an und sage: „Das Gleiche ist mir ja auch passiert!“ Nur, dass ich eben in China wohne und sie in Afrika.

M schüttelt den Kopf: „Ich glaube, es gibt da einen kleinen Unterschied. Meine Familie ist noch in Nigeria.“ Sie holt ihr Handy raus und zeigt mir ein Foto. „Das sind mein Mann und meine drei kleinen Söhne! Der Kleinste geht noch nicht mal zur Schule. Seit über drei Monaten habe ich sie nicht gesehen! Und jedes Mal, wenn ich hier im Biergarten bin und Kleinkinder sehe, steigen mir die Tränen in die Augen.“

Ich sehe in Ms grüne Augen und bekomme Gänsehaut. „Aber…“, stammle ich. „Gibt es keine Möglichkeit für dich, zurückzufliegen? Keine Ausnahme? Kannst du nicht mit der Botschaft oder dem Konsulat reden?“

„Das habe ich schon mehrmals“, antwortet M mir traurig. „Aber da ist nichts zu machen. Ich habe nicht die nigerianische Staatsbürgerschaft, aber die brauche ich für die Einreise. Im Moment kann ich nicht einreisen. Ich kann nur warten.“

Betroffen gehe ich zurück an meinen Platz hinter der Schenke. Wie schlimm muss es sein, als Mutter von seinen kleinen Kindern getrennt zu werden, noch dazu so plötzlich und in einer Zeit, in der weltweit Angst und Panik vor einem Virus herrscht. Ich kann es mir schwer vorstellen.

Den ganzen Nachmittag beschäftigt mich Ms Geschichte. Einerseits fühle ich mich ihr sehr verbunden. Wie ich ist sie als Auswanderin unplanmäßig in Deutschland gelandet. Andererseits ist es bei ihr doch auch wieder ganz anders. Ich bin durch Corona wieder näher an meine Familie gerückt, bin wieder Zuhause eingezogen, habe meine Eltern und Großmutter sowie Freunde um mich herum, während sie von ihren liebsten und wichtigsten Personen getrennt wurde.

Am nächsten Tag, gleicher Ort und gleiche Uhrzeit, stehen V und ich wieder hinter dem Zapfhahn. V trägt wie gewohnt Hut und Bart und ich meine Lederhose. Und natürlich eine Mund-Nasen-Maske, unter der wir langsam zu schwitzen beginnen. Es ist Sonntag und der Biergarten ist proppenvoll. Die Luft summt und vor der Theke hat sich eine lange Schlange gebildet, die nicht weniger werden will. Eine Bestellung folgt der nächsten. Neben mir rauscht die mobile Krug-Waschstadion und die frisch gewaschenen Gläser klirren beim Einräumen grell in meinen Ohren. Ich zapfe und kassiere, zapfe und kassiere. Für mehrere Stunden denke ich an nichts anderes, als an Bier, Limo und Spezi. Volle Konzentration. Ist eigentlich auch ganz schön.

Dann geht auch dieser Tag zu Ende und am Abend stehen wir geschafft auf unseren Plätzen, die Hemden klebrig von Spezi-Spritzern, die Füße schwer vom langen Stehen. Mittlerweile sind wir zu dritt. Im größten Ansturm kam L als Verstärkung hinter die Schenke. Sie hat schon früher in Biergärten gearbeitet, ihre Handgriffe sitzen wie bei einem Profi und sie weiß, wie man die Gäste glücklich stimmt. Erst jetzt komme ich dazu, mich richtig bei ihr vorzustellen. L ist ein Strahlemensch, lacht die ganze Zeit, sprüht vor Energie. Nach einem kurzen Plausch fragt sie mich, wie ich nach Tutzing gekommen sei. Ich erzähle ihr meine Geschichte, von meinem Deutschlandurlaub und dass ich jetzt in I. bei meiner Familie eingezogen bin. Ihr Grinsen wird immer breiter.

„Das glaub ich ja nicht!“, bricht es aus ihr heraus, als ich endlich fertig bin. „Ich bin vor zwei Monaten auch bei meinem Vater in I. eingezogen! So wie du! Ist das denn möglich?“

Ich schaue sie an und falle mit ihr in ein lautes Lachen. Sowas! Klein ist die Welt!

„Eigentlich wäre ich jetzt gar nicht in Deutschland“, meint L weiter, „sondern in Portugal. Anfang des Jahres habe ich einen Job im Marketing einer Hotelkette angenommen, die Stelle wäre ab April gewesen. Deshalb habe ich auch pünktlich zum Jahreswechsel meinen alten Job und meine Wohnung gekündigt und war quasi abfahrbereit. Aber dann kam Corona und meine Stelle in Portugal wurde kurzfristig gestrichen. Da stand ich also, ohne Job, ohne Wohnung, ohne Hoffnung.“, sie stoppt kurz und wirkt nachdenklich.

„Aber eigentlich gibt es gar keinen Grund zur Trauer. Denn ich habe durch die Siuation eines gelernt: Nach Regen kommt auch Sonnenschein.“ L strahlt mich an und ihre Fröhlichkeit schwappt sofort auf mich über „Am Ende bin ich doch ein Glückspilz. Mein Vater hat einen Platz zum Schlafen für mich, meine Freunde helfen mir und ich habe den Job hier gefunden. Was will ich mehr?“

Da hat sie recht. Und ich kann es immer noch nicht glauben. Zuerst M und jetzt auch noch L. Da treffen drei junge Frauen in ein und demselben Biergarten am Starnbergersee zusammen und ohne das sie sich zuvor kannten, haben sie doch so viel gemein. Drei Weltfrauen, drei Kontinente, drei Träume abseits der gesellschaftlichen Norm. Alle drei haben es gewagt, neue Wege im Ausland zu gehen. Und allen dreien wurden durch Corona vermeintliche Steine in den Weg gelegt. Aber was mich am meisten beeindruckt: Keine von uns hat deshalb aufgegeben oder lange den Kopf hängen gelassen. Klar nimmt uns die Situation mit und wir sind machmal auch traurig, frustriert und hoffnungslos. Auch diese Gefühle kennen wir und sie haben ihre Berechtigung. Aber wir sind uns doch einer Sache stets gewiss und das ist gleichzeitig der Motor, der uns auf der tiefstenTalfahrt die nötige Kraft und den neuen Antrieb gibt: Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere.

Wir haben den ersten Schritt getan und einen Fuß in die neue Tür gesetzt. Wir alle wollen anpacken. Und nicht nur im Biergarten. M sucht weiter aktiv nach Spenden für ihr Projekt. Und L grinst seit einer Woche von einem Ohr bis zum anderen. Denn als der Biergartenchef hörte, dass L Erfahrung im Marketing hat, wurde sie gleich für das Marketingteam des Biergartens angestellt. Und auch ich bekam vor einer Woche eine unerwartete E-Mail von einem Absender, den ich schon längst vergessen hatte. Der mir wiederum vielleicht neue Türen öffnen wird. Es scheint sich alles zu fügen.

Das nächste Wochenende arbeite ich wieder im Biergarten. L und M sind heute nicht da, dafür H, R, G, J, U, ja eigentlich ist das ganze Alphabet vertreten. Und jeder bringt seine eigene Geschichte mit. In den Pausen, beim Essen und nach Feierabend lausche und staune ich. U kommt aus Kenia und bringt mir einige Sätze auf Suaheli bei, J ist aus der Slowakei als Frau allein nach Deutschland gekommen und muss sich hier behaupten, G liebt Blumen und wohnt in der Wohnung, in der ich vor 25 Jahren mit meiner Mutter gelebt habe. Der Sommer ist voll von Biergartengespräche – und ich will keines davon missen.

Zum Schluss möchte ich mein Wort noch einmal an alle da draußen richten, egal ob zufrieden oder frustriert, glücklich oder verzweifelt. Eine weise Person hat mir heute gesagt: „Bei all dem Schlechten, was auf der Welt passiert, gibt es auch immer etwas Gutes, das zeitgleich geschieht.“ Lasst uns also gemeinsam die Augen für das Gute offen halten und uns gegenseitig in (Biergarten)Gesprächen daran erinnern!

8 Kommentare zu „Biergartengespräche

  1. Liebe Eva, ein sehr schöner Text! Ich lese deine Gedanken immer wieder gern, auch wie jetzt aus dem nahen Bayern statt dem fernen China. Ja, nicht die Umstände bestimmen, ob wir glücklich sind, sondern wir wir ihnen entgegentreten. Lieben Gruß und alles Gute im – für mich – doch auch exotischen Bayern!😉 Sarah

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  2. Dein Bericht ist voller Leben – nachvollziehbar- und bringt mir nicht nur dich. sondern auch die Menschen, die dir begegenen, nahe. Es ist als stünde ich am See, als sei mein Herz eins mit deinem in den Begegnungen. Was für ein gutes Leben! Christa

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  3. Liebe Eva! Seit vielen Monaten verfolge ich deinen Blog, ich weiß gar nicht mehr, wie ich darauf gestoßen bin (ach ja, über irgendeine DaF-Facebook-Seite, glaube ich…). Jedenfalls finde ich es immer wieder herrlich, deine Texte zu lesen und über deine Gedanken zu reflektieren. So oft sprichst bzw. schreibst du mir aus der Seele! Meine Geschichte ist ganz anders, aber wie immer gibt es manchmal ein paar Parallelen. ich lebe seit über 10 Jahren in Portugal, wo ich eigentlich im Tourismus (als Reiseleiterin und als Reiseliteratur-Autorin) arbeite (und seit 2 Jahren auch ein bisschen als DaF-Lehrerin). Auch wenn mein Berufsleben jetzt gerade voll auf Eis liegt, gibt es auch in meinem Leben etwas durch und durch Positives inmitten der Coronakrise: ich bin Ende April Mama geworden und erfreue mich jetzt jeden Tag an meinem Sohn, der mich alle Coronasorgen vergessen lässt…! Dir wünsche ich alles Gute und ich bin gespannt, was für eine Tür sich da öffnen mag! Viele Grüße aus Portugal!

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    1. Liebe Sara, vielen Dank für deinen Kommentar! Es freut mich sehr, ganz unbekannterweise von dir und deiner Geschichte zu hören und dass du dich in den Texten wiederfinden kannst. Die Tourismusbranche hat es gerade wirklich nicht einfach… Viel Kraft dir weiterhin! Und eine schöne Zeit mit deinem kleinen Sohn ❤️

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  4. Was fuer wundersame Begegnungen, kann ja gar nicht perfekter sein. Ich liebe es wenn ich das erlebe. Aber soviel auf einmal – wow. Und du dachtest du bist da um Geld zu verdienen. Gut von dir zu hoeren, lass es dir weiterhin gutgehen.

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