Seit meinem letzten Blogeintrag ist wieder einige Zeit verstrichen. Immer wieder habe ich das Schreiben hinausgeschoben. Immer wieder Ausreden und Alternativbeschäftigungen gefunden. Und selbst jetzt, während ich endlich diese Zeilen tippe, würde ich am liebsten auf das kleine x im oberen rechten Bildschirmrand klicken, aufstehen und mich zur schnurrenden Katze auf das Bett setzen. Ist es diese verrückte Zeit, in der wir alle gerade leben, ist es der nahende Winter, ist es persönliche Erschöpfung? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber wohl, dass ich euch etwas mitzuteilen habe. Denn es ist einiges passiert. Und deshalb widerstehe ich fürs Erste dem Ruf meiner inneren Sofakartoffel und schreibe, was zu schreiben ist.
Als ich am 13. Oktober meinen letzten Eintrag veröffentlichte, hingen meine China-Pläne am seidenen Faden. Ich hatte gerade einen Flug nach Shanghai gebucht und hoffte sehr, Anfang November zurück in meine Wahlheimat Qingdao zu reisen. Ich hatte schon allerlei Vorbereitungen getroffen, mich mental auf eine 14-tägige Hotelquarantäne eingestellt und mein wenig Hab und Gut zusammengepackt. Ich war bereit. Meine Fühler zeigten gen Osten.
Parallel fand in meiner Außenwelt eine komplett konträre Entwicklung statt. Die Zahl der Covid19-Infizierten in Europa nahm rasant zu. Die Krankenhäuser füllten sich, die Kurve wurde steiler. Die Welt betrachtete sorgenvoll die nahende zweite Corona-Welle.
Und mein chinesischer Arbeitgeber begann, immer mehr Bedenken zu meiner Rückkehr zu äußern.
Doch ich wollte nichts von Bedenken wissen, weder aus China, noch aus den Nachrichten. Ich wollte nicht von meinem Rückkehr-Plan ablassen. Ich hatte jetzt schon so lange gewartet. Neun Monate war ich bereits in Deutschland. N e u n M o n a t e . Das schien mir nun wirklich Zeit genug für eine Erlösung des Wartens (respektive Rückreise). Wehe dem, der sich mir jetzt noch in den Weg stellte.
Doch alles Realitäts-Leugnen half nichts. Die Wahrheit holte mich am Ende doch ein.
Zwei Tage nach Veröffentlichung meines letzten Blogeintrages traf die offizielle Nachricht aus Qingdao bei mir ein: Mein Arbeitgeber hatte sich offiziell gegen meine Rückreise entschieden. Ich hörte förmlich, wie die China-Tür schwer ins Schloss fiel. Es war vorbei. Auf einen Schlag. Ich wusste es. Ich würde nicht mehr nach China fliegen. Weder jetzt, noch in naher Zukunft. Mein Vertrag endete im Januar 2021 und ohne Rückreise wollte ich ihn auch nicht mehr verlängern.
Während ich das alles realisierte, wartete ich darauf, dass sich innerlich Wut, Ärger oder ein anderer extremer Gefühlsausbruch in mir einstellte. Aber nichts von alledem. Stattdessen spürte ich eine aufkommende Leichtigkeit. Ich war überrascht. Immerhin waren meine Pläne durchkreuzt worden. Ein guter Grund, sauer zu sein. Nach und nach aber erkannte ich: Ich war tatsächlich erleichtert. Es war, als würde nach einer langen, langen Zeit endlich eine schwere Last von mir fallen. Das monatelange Warten, das ständige Nachfragen, das ewige Hin und Her. Endlich war eine Entscheidung gefallen. Endlich.
Platt und geschafft und immer noch seltsam erleichtert nahm ich die Nachricht auf. Sie kam plötzlich, und doch nicht überraschend. Sie hatte sich über die letzten Wochen bereits angekündigt, nun war sie endlich greifbar.
Abends kurz vor dem Schlafengehen merkte ich, dass ich neben der neuen Leichtigkeit noch etwas anderes in mir wahrnahm. Ich zündete eine Kerze an und betrachtete das flackernde, warme Licht. Es erinnerte mich an den Sonnenaufgang in Qingdao. Wie von Weitem hörte ich leise die Wellen, die an der Küste der Hafenstadt brachen. Ich schloss die Augen und sah mich an der Strandpromenade entlang spazieren, betrachtete die Morgensonne und hörte die Vögel am Himmel Runden ziehen. Hinter der Strandkulisse zeichnete sich das Laoshan-Gebirge ab. Die verschiedenen Wanderwege – lautsprechergesäumt und zugleich leise und besinnlich, schlängelten sich hinauf zu den Pagoden am Gipfel. Im nächsten Augenblick sah ich vor meinem inneren Auge den Campus, betrat meine Wohnung, die ich mit Pflanzen, Bildern und Teppichen dekoriert hatte. Ich ließ mich aufs Sofa fallen und blickte auf die Fotos, die am Kühlschrank hingen. Fotos aus meiner Kindheit, aus Urlauben, aus Mexiko. Erinnerungen. Ich goss den Gummibaum, der etwas traurig in der Ecke stand, dann wanderte ich weiter in ein Klassenzimmer, wo meine Studenten schon auf mich warteten. Auch einige Kollegen und Freunde gesellten sich dazu. Ich sah sie alle und bemerkte, wie mich eine tiefe Trauer ergriff. Sie alle waren mir ans Herz gewachsen, hatten mich in einer einmaligen Zeit begleitet. Mit ihnen durfte ich eine neue Kultur kennenlernen, laut lachen, Geschichten teilen. So viele einzigartige Persönlichkeiten, die mein Konzept von „China“ immer wieder neu definierten.
Nun war es an der Zeit, sich zu verabschieden. Ich schaute vor meinem inneren Auge bewusst in all die verschiedenen Gesichter. Wie gerne hätte ich sie noch ein letztes Mal wirklich gesehen. Wie traurig, dass meine Zeit ohne persönlichen Abschied endete. Wie schön, dass ich all diesen wunderbaren Personen auf meinem Weg begegnen durfte. Tränen stiegen mir in die Augen und ich ließ sie fließen.
Die nächsten Tage vergingen und mit dem Realisieren meiner aktuellen Lage (planlos, wohnungslos, soon to be arbeitslos) wurde ich hoffnungslos. Mein Blick verharrte auf der verschlossenen China-Tür. Ich stand reglos davor und fragte immer wieder: Wohin jetzt? Ich wusste nicht weiter.
In manchen Situationen fallen mir Veränderungen leicht, in anderen tue ich mir schwer. Dieses Mal schien letzteres der Fall zu sein. Ich glaube, es gibt zwei Typen von Menschen. Der eine ist wie ein Aufstehmännchen. Er bleibt nie lange liegen und springt nach einer Niederlage sofort wieder auf, manchmal sogar mit mehr Elan als zuvor. Der zweite Typ ist wie eine Schachfigur. Wird er umgehauen, rollt er vom Spielfeld und bleibt bis zur nächsten Runde teilnahmslos liegen. Ich war dieses Mal definitiv eine geschlagene Dame. Schachmatt. Ich sah, dass ich verloren hatte. Meine Hoffnung, meine Pläne, alles schien dahin. Ich lag bewegungslos auf dem Spielbrett und wartete auf eine neue Runde. Das Blöde war nur, dass ich Spielfigur und Spieler zugleich war. Nur ich konnte den nächsten Zug herbeirufen. Ohne mein Zutun gäbe es keine neue Runde. Was mir erst richtig bewusst wurde, als ich eine Nachricht von C bekam.
Ich hatte C von der Entscheidung meines chinesischen Arbeitgebers erzählt und angemerkt, dass ich jetzt wohl eine Stelle in Deutschland suchen würde. Dass aber durch Covid19 weniger Ausländer kämen und der Stellenmarkt für DaF-Dozenten in Deutschland generell beschaulich war. Ihre Antwort darauf: „Bewirbst du dich auch bei Verlagen?“.
Ich war überrascht. Wieso hatte ich daran noch nicht selbst gedacht. Dabei lag es so nah. Schreiben war seit meiner Kindheit eine Leidenschaft von mir. Schon in der Grundschule verfasste ich Kurzgeschichten, die bei jeder Familienzusammenkunft vorgelesen werden mussten. Später war ich bei Schülerzeitungen aktiv, machte Praktika bei Zeitungen und auch im Lektorat. Durch mein Masterstudium in Deutsch als Fremdsprache schlug ich zwar die Richtung Lehre ein, doch mit dem Beginn meines Blogs 2019 hatte ich meine Leidenschaft zum Schreiben wiederentdeckt. Gerade erst im September wurde einer meiner Texte in einer Zeitschrift veröffentlicht.
Ein neues Feuer hatte sich in mir entfacht und ich machte mich voller Elan an die Bewerbung.
Am Ende wurde ich als Volontärin in einem Bildungs-Verlag ausgewählt. Das Volontariat soll in der Zeitschriften-Redaktion des Verlags stattfinden. Bildung, Lehre und Schreiben vereint. Es hätte nicht besser kommen können. Pünktlich zum neuen Jahr geht es los.
Wenn ich jetzt zurückblicke (sowohl auf den Anfang dieses Blogtextes als auch auf den letzten Monat), wird mir wieder einmal bewusst: Auch wenn es am Anfang manchmal schwer fällt, sich aufzuraffen oder nach einem Rückschlag wieder aufzustehen, die Mühe wird belohnt. Ich werde nicht nach China zurückkehren und mit dieser Entscheidung habe ich erfahren, wie schwer es sein kann, Hoffnungen und Wünsche aufzugeben. Ich kann es nicht richtig in Worte fassen, aber ich weiß: Manchmal ist es besser, etwas loszulassen, als ewig auf Gedeih und Verderb unglücklich daran festzuhalten.
Mit dem neuen Jahr beginnt für mich eine neue Lebensphase. In Deutschland. Im Verlag. Wer hätte das gedacht? Das führt mich auch zum letzten Punkt, den ich heute ansprechen möchte.
Als ich Ende 2018 die Idee zu einem Blog hatte, war das Thema schnell klar: Ich wollte über mein Leben im Ausland schreiben, euch die Ferne ein bisschen näher bringen, gemeinsam mit euch an den Erlebnissen wachsen. Ihr habt in den vergangenen zwei Jahren einiges über China gelesen, über interkulturelle Erfahrungen, über persönliche Erkenntnisse. Meine Zeit im Ausland ist nun vorerst vorbei. Den Blog möchte ich allerdings weiterführen. In welche Richtung es gehen wird, steht im Moment noch ganz offen. Vielleicht habt ihr ja eine Idee?
Bis dahin, eure Eva

Wow, liebe Eva, ich lese jetzt ja schon eine Weile in deinem Blog mit, aber diesen Beitrag finde ich in vielerlei Weise besonders schön und beeindruckend. Dein unfreiwilliger Abschied und die damit verbundene Trauer wird ebenso spürbar wie deine Dankbarkeit und Verblüffung über die Wende danach. Deutschland nun also und ein Volontariat in einem Verlag, was sich viele ja durchaus auch wünschen. Und das alles mitten in dieser verrückten Corona-Zeit!… Ich denke, die nächsten Monate werden dir zeigen, warum sich deine Tür zu China (vorerst) schließen musste und welche Türen in Deutschland oder auch anderswo sich nur dadurch öffnen können. Worüber du somit schreiben wirst? Es wird sicher zu dir kommen, zur rechten Zeit. Wandel und Verwandlung vielleicht? Fällt mir so intuitiv ein, während ich deine Worte lese… 🙂 Herzlichen Gruß, Sarah
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Liebe Sarah, vielen Dank für deinen Kommentar und deine Worte! Ich bin wirklich gespannt, was die Zeit bringt. Dein Vorschlag „Wandel“ gefällt mir gut – da würde mir der Stoff auch nie ausgehen, denn Wandel und Veränderung gibt es immer 😉
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Liebe Eva, alles so voll vom Leben, ich freue mich riesig fuer dich. Mich beschaeftigt das Gott uns (alle) immer im Sinn hat in seiner Welt und von daher alles gut ist auf einer tieferen Ebene. In dem letzten Lehrbrief von Joel Goldschmith bringt er das einfache Beispiel von einem Obstbaum, der gar nicht andern kann als jedes Jahr Obst zu produzieren, egal was und wir auch so erschaffen ist. Keine neue Wahrheit, aber hat mich andern erreicht diesmal. Um mal bei dem Beispiel zu bleiben, die einzige wirkliche Frage ist welchen Baum ich denn bin und wie kann ich mit dem eins werden, immer.
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Liebe Gabriele, meine Großmutter sagt immer: „Der Mensch denkt – Gott lenkt“. Da ist sehr viel Wahres dran. Vertrauen, auch wenn man noch nicht den tieferen Sinn kennt… ich arbeite dran 😊
Das Bild vom Obstbaum finde ich auch interessant!
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Habe vergessen etwas zu deiner Frage zu zukünftigen Blogs zu sagen. Bevor ich Christa kennenlernte bin ich viel gereist. Das hörte dann auf und Christa kaufte das Haus in VA Beach wo Menschen hinreisten die Heilung suchten. Meine ganze Energie ging dann ins Reisen zu den Orten wo Christa war und um meine innere Reise. Ich habe oft zu Menschen gesagt, dass ich erst im Außen gereist bin, dann änderte sich das zur inneren Reise.
Was du teilst mit deinen Blogs ist in erster Linie deine innere Reise und ich sehe nicht, dass sich das geändert hat.
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Liebe Eva – Ich bin ja so froh, dass du schreibst!!! In deinen geäußerten Gedanken findet sich sicherlich so mancher wieder, denn wer kennt sie nicht, die sich schließenden Türen und wer weiß nichts von dem verdutzt stehen bleriben müssen, dem auf dem Schachbrett zu liegen kommen. Es stimmt, wir sind auch Spieler, nicht nur Spielfiguren. Ich hoffe, dass dein Blog so etwas wie ein Wegbegleiter bleibt, nicht nur für dich, sondern für andere auch. Alles Liebe Christa
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Hallo Eva, danke für das Teilen deiner Erfahrungen. Mir gefällt dein neuer Blogeintrag außerordentlich gut, da mich die Zeilen deiner „Inneren-Zustands-Reise“ abholen und mitnehmen. Ich kann vieles davon nachvollziehen.
Zur Frage deiner Blog-Zukunft:
Mir sagte mal jemand: „Alles ist Weg“. Für mich bedeutet das, dass ich IMMER auf der Reise bin. Ländergrenzen spielen dabei keine Rolle. Und immer mache ich Erfahrungen. Daher folgender Vorschlag zu deinem „Auslands/Reise/Erfahrungs–Blog“: Vielleicht lässt du deine Leser weiter an deinen „Innere-Reise-Zuständen“ teilhaben?
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