Ein verrücktes, erschütterndes und unglaubliches Jahr geht zu Ende. Viele möchten 2020 ja am liebsten ganz in die Tonne treten. So viel Ungerechtigkeit, Grauen und Unheil, wie es zum Vorschein gebracht hat, das hat fürwahr schon lange kein Jahr mehr geschafft. Andererseits sehe ich, dass 2020 auch viel Positives ans Licht gebracht hat. Solidarität zum Beispiel. Oder Mitgefühl. Andere Dinge, die in den letzten Jahren zu kurz gekommen sind. Durch die Kontaktbeschränkung gelang es dem ein oder anderen sogar, wieder mehr mit sich selbst in Kontakt zu kommen. 2020, so hart wie es war, so unumgänglich erscheint es mir heute.
Wenn ich an die vergangenen 12 Monate denke, sehe ich einen freundlichen, aber bestimmten Lehrer mit Hornbrille vor mir. Er steht mit geradem Rücken und Topfhaarschnitt vorne im Klassenzimmer. Mit der Kreide in seiner rechten Hand schreibt er einzelne Wörter an die Tafel. Ich lese: Akzeptanz. Geduld. Zuversicht. Vertrauen. Das sind die Hauptfächer, die im Jahr 2020 auf meinem Stundenplan standen. Ganz rechts steht ein weiteres Wort, etwas kleiner. Es ist mein persönliches Wahlfach. Eines, das mich einerseits interessiert und mir andererseits die meisten Schwierigkeiten bereitet. Es lautet: Loslassen.

Das mit dem Loslassen ist so eine Sache. Im Grunde genommen ist Loslassen ja ständig und immer ein wichtiger Teil unseres Lebens. Immer wieder müssen wir (oft ungefragt) Prüfungen im Loslassen ablegen. Manchmal ist es Materielles, das den Umzug nicht mitmachen kann oder ein besonderer Gegenstand, den wir verlieren. In schlimmeren Fällen sind es Menschen, von denen wir nach langer Zeit Abschied nehmen müssen. Sehr oft sind es aber auch immaterielle Vorstellungen, die für geraume Zeit, vielleicht schon unser ganzes Leben lang, in unseren Gedanken hausen und jetzt zwangsgeräumt werden müssen. Alte Glaubenssätze, wie: Ich kann das nicht! Oder: Ich brauche das unbedingt!
An sich bin ich eine Fürsprecherin des Loslassens, in welchem Sinne auch immer. Denn sind die Hände erstmal frei, läuft alles wesentlich entspannter. Das ist allerdings, wie so oft, leichter gesagt als getan. Ich weiß selbst ganz genau wie es ist, die verkrampften Finger um eine geliebte Sache geschlungen zu haben und nicht loslassen zu wollen. Vermutlich auch deshalb dieses extracurriculare Wahlfach für mich.
Beim Thema Loslassen muss ich an eine Szene aus meiner Kindheit denken. Es war Spätsommer, ich war in der zweiten Klasse und hatte zum Geburtstag Inline-Skates geschenkt bekommen. Das Fahren war schnell gelernt. Ausgestattet mit Helm, Knie-, Ellbogen- und allen sonstigen erdenkbaren Schonern, hieß es für mich „auf die Rollen, fertig, los“. Ich liebte es, auf dem Roten Platz (der Dorfhartplatz neben der Schule) meine Runden zu drehen, Slalom zu fahren, den Wind in meinen Haaren zu spüren. Mit den Inline-Skates unter den Füßen war ich fruchtlos, sorglos, bedingungslos wild. Keiner konnte mich stoppen, ich war Electra von Starlight Express. Dieses Gefühl, so unbeschreiblich schön wie es war, wollte ich natürlich teilen. Am liebsten mit der ganzen Welt und als erstes mit meiner Schulfreundin Z, die damals gerade neu mit ihren Eltern in unser Dorf gezogen war.
Z und ich verabredeten uns also eines sonnigen Septembernachmittags auf dem Roten Platz. Wir trafen uns allein, denn das war damals gar nicht so unüblich für Zweitklässler. Das Dorf war ruhig, jeder kannte jeden und der Rote Platz war nur ein paar Gehminuten von meinem Haus entfernt. Falls etwas passieren sollte, wäre ich im Nu Zuhause.
Z war genauso alt wie ich, genauso groß und ihre Füße passten genauso gut in die Inline-Skates wie meine. Nichts stand ihrer Probefahrt im Weg. Sie war aufgeregt, ihre Hände zitterten. Es würde ihr erstes Mal auf den rollenden Schuhen werden. Ich legte ihr vorsorglich sämtliche Schoner an, zeigte ihr die Bremse am Ende des rechten Schuhs und reichte ihr bedächtig den Helm. Dann setzten wir uns auf eine Bank am Rande des Platzes und Z schlüpfte mit ihren gestreiften Socken in meine neuen Skates. Als beide Füße fest verschnallt waren, reichte ich ihr meine rechte Hand. Vorsichtig standen wir auf.

Die Probefahrt dauerte nur wenige Minuten. Z war sehr unsicher auf den Beinen, sie schwankte von rechts nach links und von oben nach unten, wie ein Schlauchboot bei Dampferwellengang. Meine damals dünnen Oberärmchen konnten das Gewicht kaum halten. Es musste also so kommen: Z verlor ihr Gleichgewicht. Ich sah ihr hilflos dabei zu, wie sie wie in Zeitlupe nach vorne stürzte. Immer noch hielt sie dabei meine Hand fest umklammert. Ja nicht loslassen. Im Fallen rutschte ihr meine rechte aber doch irgendwie halb aus dem Griff. Sie erwischte gerade noch meinen kleinen Finger und zog ihn dann mit sich zu Boden. In dem Moment, als sie sanft auf meinen gut gepolsterten Knieschoner landete, spürte ich es in meinem kleinen rechten Finger knacksen. Vor Schmerz schrie ich auf.
Wenig später saß ich mit getrockneten Tränen und meiner Mutter neben mir beim Arzt. Der Finger war gebrochen, musste für zwei Wochen in eine Schiene. Er würde schnell wieder heilen. Meine Erinnerung an den festen Griff von Z hingegen, die um nichts auf der Welt loslassen wollte, würde noch lange bleiben.
Ähnlich wie Z damals denke auch ich heute noch oft, dass mir mein Festhalten Sicherheit verspricht. Die letzte Rettung vor dem schmerzhaften Fall. Denn wer weiß schon, was passiert, wenn ich meinen Griff auch nur ein wenig lockere. Jeder kennt diesen einen wiederkehrenden Traum, in dem man von einem Hochhaus ins endlose Nichts stürzt. Sehr unangenehm.
Das aktuellstes Loslass-Beispiel (oder sollte ich sagen Nicht-Loslass-Beispiel?) aus meinem Leben ist meine China-Misere. Es hat ganze acht Monate gedauert, bis ich auch nur den Gedanken in Erwägung zog, loszulassen. Seit Februar, seit ich auf Heimaturlaub in Deutschland gestrandet war, wollte ich zurück nach China. Ich hielt verbittert an meinem chinesischen Leben, an meiner Arbeit an der chinesischen Uni, an meinen Vorstellungen für meine Zukunft in China fest. Ich wollte zurück. Komme was wolle. Zu akzeptieren, dass das nicht ging, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Es muss doch einen Weg geben, war mein tägliches Mantra.
Meine Hände hatten sich in diesen acht Monaten vor lauter Halten längst verkrümmt und verkrampft. Auch mein Umfeld zog ich unter starrem Rückreiseblick mit nach unten. Bestimmt fragte sich der ein oder andere, warum ich nicht einfach hier in Deutschland zufrieden sein konnte. China mal gut sein lassen – einfach loslassen. Doch all das bemerkte ich erst spät. Meine Rückreisepläne gaben mir Halt, Kontrolle und Struktur in einer so unbeständigen Zeit. Sie schützten mich vor der Ungewissheit. So dachte ich lange.
In meinem Fall gab es zum Glück keine gebrochenen Finger, aber trotzdem kann ich Z rückblickend gut verstehen. Natürlich wollte sie damals meine Hand nicht loslassen. Meine Hand war ihre geglaubte Sicherheit vor dem Fall. Solange sie meine Hand hielt, konnte ihr (so dachte sie) nichts passieren.
Ich meinerseits wollte von meinen China-Plänen nicht ablassen. Der China-Plan war meine Sicherheit. Mein sicherer Arbeitsplatz, meine sichere Wohnung, mein sicheres Umfeld. Solange ich an China festhielt, hatte ich vermeintlich alles im Griff. China war mein sicherer Hafen.
Z und ich mussten lernen, dass alles Festhalten nichts hilft. Festhalten führt nicht zu Sicherheit. In Wahrheit gibt es nämlich keine Sicherheit. Und zu allem Überfluss ist Kontrolle auch nur Illusion. Denn, wenn wir mal ganz nüchtern die Fakten betrachten: Z ist trotz meiner Hand gestürzt. Ich konnte trotz meiner China-Pläne die Situation nicht kontrollieren. Es kommt eben doch immer, wie es kommen muss. Egal wie fest wir versuchen, einen anderen Ausgang herbeizubeschwören. Egal wie viele zusätzlichen Sicherungsschnüre wir knoten. Der Schmerz des Falles ist unvermeidlich. Deshalb die Frage, die sich mir jetzt (im Nachhinein natürlich) unweigerlich stellt: Warum nicht einfach gleich loslassen und akzeptieren? Wie das schnelle Abreißen eines in der Wunde verklebten Pflasters. Es wird schließlich nicht besser. Und man würde sich eine lange Zeit des Kummers ersparen.

Ich glaube, ihr kennt die Antwort schon. Festhalten suggeriert nämlich nicht nur Sicherheit, es macht gleichzeitig auch blind. Denn bei voller Konzentration auf das Festhalten bleibt gar keine Zeit mehr, nach links oder rechts zu sehen. Wir haben nur noch Augen für das, was wir nicht loslassen, nicht verlieren wollen. Ansonsten hätte Z damals wohl an die Schoner gedacht, die wir ihr wenige Minuten vorher sorgfältig an allen Gelenken angelegt hatten. Und die sie in jedem Fall vor einem harten Aufschlag bewahrt hätten. Beziehungsweise am Ende auch haben.
Ich meinerseits hätte bei genauerem Hinsehen die unübersehbar große, weiche Wattewolke unter mir wahrgenommen. Die gleiche Wolke, die mich schon unzählige Male zuvor aufgefangen hatte. Als ich zum Beispiel meine Comfort-Zone mit festem Freund und eigener Wohnung losgelassen und nach Mexiko gezogen war. Als ich den festen Job in einer deutschen Sprachschule aufgegeben hatte, um im Ausland zu leben. Ich habe, jetzt wo ich mich erinnere, schon sehr oft losgelassen. Und immer hat mich die weiche Wolke aufgefangen, selbst wenn ich manchmal knapp mit der Nase am Boden entlanggeschrammt war. Die Wattewolke ist ein Sicherheitsnetz, das mich auf allen Wegen begleitet, egal wohin ich gehe, egal was ich festhalte oder loslasse.

Nein, je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger möchte ich das Jahr 2020 in die Tonne treten. Ich habe viel gelernt, auch wenn nicht alles schön war. Ich habe mich erinnert. Und ich bin mir jetzt ein wenig mehr bewusst, dass ich vertrauen kann. Auch wenn ich immer wieder Angst vor dem Fall des Loslassens habe. Ich bin gesichert. Wir alle sind gesichert.
Ich wünsche euch einen bewussten Ausklang für dieses Jahr. Vielleicht hat der ein oder andere auch noch die Zeit zu reflektieren, was er oder sie noch loslassen möchte. Das Ende eines Jahres bietet sich dazu ja an – wobei ich denke, dass Loslassen zu jeder beliebigen Zeit möglich ist. Ich werde mich auch noch einmal hinsetzen. Denn die nächste Loslass-Prüfung kommt bestimmt schneller, als ich denke ;-).
Bis zum nächsten Mal!
Eva Marie
Der zweite Absatz – also das Bild mit dem Lehrer und den Themen für 2020 – gefällt mir außerordentlich gut! 🙂
Loslassen ist auch ein Thema für mich. Seit April warte ich auf die Verlängerung meines USA-Visas; immer in der Hoffnung, dass „bald“ eine offizielle Antwort der Visa-Behörde kommt.
Für mich ist es Zeit, loszulassen… und damit meine Hoffnung aufzugeben, dass ein offizielles Schreiben der Behörde meine Aus- und zukünftige Einreise erleichtert. Für mich ist es Zeit, loszulassen… und stattdessen darauf zu vertrauen, dass alles in Gottes Hand liegt.
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