Nihau und Hey China!

Mein fünfter Tag in China. Ich kann es kaum glauben, am Ende ging alles so schnell. Rein ins Flugzeug, einmal quer über Russland geflogen und jetzt bin ich hier, im großen Reich der Mitte. Jeden Tag überwältigen mich neue Bilder: Tausende von Schriftzeichen, die ich nicht verstehe, exotische Gerüche in Kaufhäusern und eine neue Geräuschkulisse auf der Straße.

China ist anders. Anders als Deutschland, anders als Mexiko und vor allem ganz anders als in den Medien dargestellt. Als ich mit meiner neuen Kollegin am Stadtstrand entlanglaufe, beobachten wir, wie sich die Wellen brechen, wie Jogger ihre Runden ziehen, wie ein Vater mit seinem Kind Ball spielt. Und wir stellen fest: China ist anders – und dann ist China doch auch nur Sand, Lehm und Hummus. Es ist der gleiche Erdboden, es ist das gleiche Leben. Was soll es auch sonst sein?

Aber beginnen wir von vorn.

Am Samstag, nach 20 Stunden Flug komme ich vormittags schlaftrunken am Flughafen in Qingdao an. Während ich noch das Gepäck vom Band hieve, bemerke ich schon zwei junge Chinesen vor dem Ausgang, die aufgeregt ein Namensschild hin und her schwingen. Es sind zwei meiner zukünftigen Studenten, Alexander und Marvin (ihre Namen aus dem Deutschkurs), die mich mit einer heißen Sojamilch und neugierigen Gesichtern in Empfang nehmen. Schnurstracks geht es gleich mit dem Taxi vom Flughafen zu meiner künftigen Arbeitsstelle und neuen Bleibe, der Chinesisch-Deutschen Fakultät.

Als ich vor dem Eingang stehe und mich zum ersten Mal umsehe, blicken mir blaue und blassrosa Gebäude entgegen, Studenten wuseln umher, ziehen ihre Rollkoffer den kleinen Hang zum Wohnheim hinauf, ein Auto hupt. Es ist Samstag vor Semesterbeginn und die Sonne kämpft gegen die Smoghaube an.

Wir müssen in den dritten Stock, holt mich Marvin aus meinen Überlegungen zurück. Er wuchtet den 23 Kilo-Koffer aus dem Taxi heraus. Ich schlucke. Auwei, drei Stockwerke ohne Lift und das mit dem Gepäck!

Doch nach der ersten Treppe strahlt er mich schon an: Hier sind wir! Ich bin mir nicht sicher, ob ich es auf meine Müdigkeit oder die Sprachkenntnisse der Studenten schieben soll, aber wie kann ich mit nur einer Steige in den dritten Stock gelangen? (Später finde ich heraus, dass es in China kein Erdgeschoss gibt, jedes Gebäude startet im ersten Stock. Anscheinend nicht jedes, denn durch den Haupteingang der Uni kommend befindet man sich bereits im zweiten Stock…)

Ich beschwere mich nicht weiter über den verkürzten Aufstieg und betrete zum ersten Mal meine neue Wohnung: zwei große, lichtdurchflutete Zimmer, ein schönes Bad, ein riesiges Bett und in der Ecke eine … Heizung! Ich bin überglücklich, habe ich noch im mexikanischen Winter bei 2 Grad und zugigen Fenstern gefroren. Gerade will ich mich in die Kissen fallen lassen und die Beine hochlegen, da stehen Alexander und Marvin wieder vor mir. Sie haben heute noch viel mit mir vor.

Als erstes fahren wir zu einem Telefongeschäft, um eine chinesische SIM-Karte zu kaufen. Während wir warten, deute ich auf eine farbige Liste an der Wand. Hier stecken unzählige Zettelchen mit Nummern in drei verschiedenen Farbkategorien. Was hat das zu bedeuten, frage ich. Gibt es drei unterschiedliche Tarife?

Die Tarife unterscheiden sich nicht so sehr im Angebot, meint Alexander. Die teuersten Telefonnummern sind die, die am besten beim Sprechen klingen. Die Ziffern 6 und 9 zum Beispiel sind sehr beliebt. 6 klingt auf Mandarin wie Glück und Erfolg und wird anderen gerne als Wunsch mitgegeben. Beim Sport lobt man zum Beispiel gute Spielzüge mit 666. Für Paare bedeutet die Ziffer 9, dass sie eine glückliche Beziehung führen werden. Und 888 ist die wichtigste Reihenfolge: Sie garantiert den Menschen immer einen vollen Geldbeutel. Ebenso gibt es Zahlen, die man eher meiden sollte, wie zum Beispiel 4, die ausgesprochen wie das Verb „sterben“ klingt.

Gut zu wissen! Da für mein ungeschultes Ohr alle Zahlreihenfolgen aber noch sehr ähnlich klingen, lasse ich die Jungs meine Nummer auswählen und nach einer kurzen Wartezeit kann ich mich auf Glück, Erfolg und zukünftigen Geldsegen hoffend ins Internet einloggen. Beziehungsweise nicht ganz. WhatsApp, Facebook und Google Dienste waren gestern, die Great Firewall of China macht ihrem Ruf alle Ehre und blockiert sämtliche amerikanischen Social-Media-Dienste. Im gleichen Zuge stelle ich entsetzt fest, dass ich das hier unabdingbare Kommunikations- und Zahlungsmittel WeChat nicht einmal herunterladen kann, weil auch meine App-Downloads über GooglePlay laufen, was ebenfalls blockiert ist. Hätte ich da mal früher überlegt.

Viel Zeit für Frust bleibt nicht, denn in 10 Minuten schließt die Bank und wir wollen noch ein Konto eröffnen. Ich habe die leichtere Aufgabe der Gruppe, denn ich verstehe nichts und bin zu 100 Prozent auf meine Begleiter angewiesen, die der höflichen Dame hinter dem Schalter meine Passkopie und Informationen reichen.  Ich unterschreibe blind was auch immer man mir vorhält (insgesamt fünf Seiten voller chinesischer Schriftzeichen) und bin innerhalb von kürzester Zeit Inhaber eines Bankkontos der „Construction Bank“. Interessanterweise will die Bank meine deutsche Steuernummer, bevor sie das Konto eröffnet. Ob nun mein Finanzamt bald Post aus China bekommt?

Langsam knurrt mein Magen und ich bin froh, als Alexander vorschlägt, in die Uni-Mensa zu gehen. Marvin verabschiedet sich und wir kehren mit SIM- und Bankkarte im Gepäck zurück auf den Campus.

Die „Mensa“ ist hier eher ein indoor Street-Food-Festival, dass sich auf drei Stockwerke verteilt. Ein unendlicher Schilderwald tut sich vor meinen Augen auf und es brutzelt und duftet aus allen Ecken. Etwas überfordert von all den chinesischen Namen, die ich nicht lesen, geschweige denn aussprechen oder verstehen kann, gebe ich meinen Hunger vertrauensvoll in Alexanders Hände.

Kurz darauf werde ich mit einem noch kochenden Topf Gemüse-Hühnchen und Reis belohnt. Hmm… lecker! Süß, sauer und ein bisschen scharf. Autsch, aber leider ganz schön viele kleine Knochen dabei. So unauffällig wie möglich spucke ich den ersten in meine Serviette und schaue wieder hoch zu Alexander. Dieser schmatzt währenddessen genüsslich und spuckt munter und ungeniert seine Knochen auf dem Tablett aus, einige landen daneben auf und unter dem Tisch. Ich schmunzle innerlich. Einige Klischees werden also doch bestätigt. Stören tut es mich nicht weiter, das Essen ist einfach zu gut und eigentlich finde ich es auch erleichternd, nicht immer so etepetete zu sein. Während ich noch mit meinem Taschentuch rumwische, streckt mir Alexander ein frisches Tuch hin. Ich nehme dankend an, wische meinen Mund ab und stecke das Tuch ein. Als wir die Teller zurückgeben und unsere Hände abwischen wollen, holt er ein neues Tuch für mich heraus. Ich lehne dankend ab, hole das alte aus der Tasche und wische mir mit der noch sauberen Ecke die Hände ab. Alexanders Blick dabei merke ich nicht. (Am nächsten Tag erklärt mir meine Kollegin, dass man sich in China in der Öffentlichkeit nicht die Nase putzt und vor allem nicht das gleiche Tuch zweimal benutzt. So war ich wohl nicht die einzige, die mit der Andersartigkeit an diesem Abend konfrontiert wurde.)

Das leckere und warme Essen zeigt seine Wirkung, ich bin gefüllt und zufrieden. Die Müdigkeit der langen Reise beginnt über mich zu schwappen und ich bin froh, dass es nicht weit bis zu meinem neuen Zuhause ist. Alsbald kuschle ich mich unter die warme, weiche Decke und schließe die Augen.

China. Endlich, nach vielem Warten und Bangen bin ich hier. Ich hatte Angst vor dir, hatte meine Zweifel und Bedenken. Aber jetzt fühle ich mich wohl, gut aufgehoben.

Du bist anders und doch auch wieder nicht.

Was mich die nächsten Tage wohl noch erwartet, huscht mir der letzte Gedanke durch den Kopf. Und dann falle ich auch schon in einen tiefen, tiefen Schlaf.


2 Gedanken zu “Nihau und Hey China!

  1. Hallo, liebe Eva – irgendwann musst du das alles in ein Buch fasssen. Du bist eine großartige Erzählerin und bringst deine Erlebnisse dem Leser sehr nahe. Ich habe manches Mal gelacht und daran gedacht, wie ich manche Ersttage auf Reisen verbracht habe – vor allem wenn ich länger blieb, die Sprache nicht verstand usw. Lass es dir gut gehen und einen guten Anfang an der Uni. Grüße Christa

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