Ungewissheit

Lang war es still um mich. Mittlerweile wird es draußen kühler, die Tage kürzer, der Sternenhimmel größer. Ich blicke aus dem Fenster, sehe das braun-gelbe Laub die Gehsteige pflastern. Ich kann es nicht mehr leugnen: Der Sommer hat sich längst dem Ende zugeneigt. Ich ertappe mich dabei, wie ich fast schon wehmütig dieser Erkenntnis nachhänge. Auch die Natur macht nicht Halt vor Veränderungen. Die letzten Blumen auf der Terrasse lassen ihre Köpfe hängen, Blüten fallen wie Tränen zu Boden. Es mutet einem leisen Trauerspiel. Und doch hilft kein Trauern. Alles ist im Fluss, alles im Wandel. Es ist der Lauf der Zeit.

Ein langer Sommer voller Hoffen und Bangen geht für mich zu Ende. Mal war er laut, dann wieder ganz still und leise. In manchen Dingen ganz anders, und dann doch wieder seltsam vertraut. Es war ein Sommer in Deutschland, ein Sommer unter Kastanienbäumen, zwischen rosa Luftschlössern und betonharter Realität.

Vor allem war er aber eins: Ein Sommer der Ungewissheit.

Kaum ein Tag zog ins Land, an dem ich nicht insgeheim auf eine Nachricht aus China hoffte. Seit Februar war ich in der Schwebe, ein Dauergast in der Wohnung meines Onkels, ein Reisender, der auf den nächsten Anschlusszug wartet. Wie würde es weitergehen mit meinem Job an der chinesischen Uni? Was war mit meinen Sachen, meiner Kleidung, meinen Pflanzen, die immer noch in meiner Wohnung auf mich warteten? Was mit meinen Studenten, wie erging es ihnen? Wie sollte der Unterricht nach der Sommerpause weitergehen? Doch alle Fragen blieben in diesem Sommer unbeantwortet.

Natürlich versuchte ich neben all dem Grübeln auch ein Leben im Hier und Jetzt, ein Leben in Deutschland. Und manchmal wollte es mir auch glücken. Ich verbrachte einzigartige Momente mit meiner Familie, mit Freunden von nah und fern, machte neue Bekanntschaften. Ich sah meine Heimat mit anderen Augen, entdeckte Wege vor meiner Haustür, die mir zuvor nie aufgefallen waren. Ich geriet auch in Deutschland an meine Grenzen, weitete sie, wuchs an Herausforderungen und lernte mich dabei selbst besser kennen.

Und dennoch. Der Gedanke an China blieb.

Irgendwann, es muss Mitte August gewesen sein und der Sommer plätscherte gerade so vor sich hin, schien alles fast wieder normal. Die Fallzahlen waren gesunken, sowohl in Deutschland als auch in China und es gab Tage, an denen dachte ich nicht mehr an das Virus. Natürlich gab es immer noch Länder, in denen es unerbittlich wütete. Aber doch schien die kleine Welt um mich herum für einen kurzen Moment wieder heile. Seit Wochen wurden in Qingdao keine Neuansteckungen mehr verzeichnet und auch in meiner Umgebung war es ruhig geworden. Die Studenten waren auf dem Campus zurückgekehrt und der Unterricht fand nach den Semesterferien wieder im Klassenzimmer und ohne Masken statt.

Auf was wartest du noch?, hörte ich die Stimme von Innen.

Ich bemerkte, wie mein Wunsch, nach China zurückzukehren, mit einem Schlag wieder mehr Platz in mir einnahm. Ich sah meine Träume ganz klar vor mir. Was ich in diesem unfassbar großen Land noch alles verwirklichen wollte.

Und plötzlich schien sogar die chinesische Regierung auf meiner Seite, als sie unverhofft in einem Nebensatz bekanntgab, dass Ausländer ab sofort wieder einreisen durften. Das einzige Kriterium: eine Bestätigung des Arbeitgebers über das bestehende Arbeitsverhältnis, der sogenannte PU-Letter. Mein Herz machte Luftsprünge, endlich schien es voranzugehen. Voller Hoffnung setzte ich mich mit meinen Kollegen und unserem Arbeitgeber in Verbindung und machte insgeheim schon meine ersten Rückreisepläne.

Doch es dauerte nicht lang, da wurde ich auch schon wieder ausgebremst. Die neue Regelung entpuppte sich bei genauerer Betrachtung als Mogelpackung. Denn der erwünschte PU-Letter lies sich nicht ohne Weiteres vom Arbeitgeber ausstellen. Zunächst musste die Stadt und die Provinzregierung ihr Okay geben. Und kurz nach dieser Erkenntnis musste ich feststellen, dass meine Wahlheimat-Provinz das chinesische Bayern ist – strikter als andere Provinzen und mit einer Ladung Extrabedingungen. Es sah schlecht aus. Der PU-Letter blieb unerreichbar. For better or for worse hatte ich mal wieder zu akzeptieren: Es würde doch noch länger dauern. Anstatt Ende August im Flugzeug nach China zu sitzen, lag ich auf dem Sofa und sah betrübt dabei zu, wie meine Rückreisepläne once more wie große, glitzernde Seifenblasen zerplatzten.

Aber es hatte auch etwas Gutes. Immerhin konnte ich so am 10. September in kleiner Runde und seit langer Zeit mal wieder gemeinsam mit der Familie und engen Freunden auf meinen Geburtstag anstoßen. Und noch dazu auf einen Runden.

Und dann kam der 23. September. Ich stand gerade am Starnberger See und bediente einige Kunden, als eine Nachricht in meiner chinesischen App aufploppte: Effective from 0 a m., 28 September 2020, foreign nationals holding valid Chinese residence permits for work, personal matters and reunion are allowed to enter China with no need for applying for new visas.

Ich laß den Satz zweimal, dann noch ein drittes Mal. Hektisch rief ich meiner Kollegin zu, dass ich gleich wiederkäme, ging hinaus und leitete die Nachricht sofort an den Ansprechpartner meiner Uni weiter. Ausländer mit gültigem Visum dürften wieder einreisen. Auch ohne PU-Letter. Das hieß, die Grenzen standen für mich nun sicher offen!

Es sah ganz danach aus, als stünde dem Rückflug nun nichts mehr im Wege. Am nächsten Tag schrieb ich der chinesischen Auslandsvertretung in München und auch die bestätigten die Änderung und erklärten mir die nächsten Schritte, die vor dem Flug zu machen seien. Ein negativer Covid-Test drei Tage vor Abflug, 14-Tage Hotel-Quarantäne am Ankunftsort in China, weitere Tests und eventuell weitere Quarantäne im Heimatort Qingdao. Ich hatte von all dem gehört und machte mir fleißig Notizen. Und begann, nach Flügen zu suchen.

Da kam auch schon der erste Dämpfer. One-way Flüge nach China begannen bei 2000 Euro, Preis steigend. Im Internet recherchierte ich. Die obligatorische Hotelquarantäne inklusive Essen und weiterer Tests beliefen sich ebenso auf mindestens 1000 Euro. Ich schluckte. So viel Geld, nur um zurückzukommen. Glücklicherweise schaltete sich hier die Uni helfend ein und sprach von einem möglichen finanziellen Zuschuss. Der Antrag müsse nur beim Verwaltungsbüro, dann beim Vizedekan, beim Parteisekretären und letztendlich beim Dekan der Universität vorlegen. Und dann wüssten wir mehr.

Also hieß es wieder: Warten. Eine Woche verstrich, dann eine nächste. Keine Nachricht aus China. Ich sah, wie Flugangebote im Internetportal kamen und gingen, wie die Preise weiter nach oben schnellten.

An einem Freitag – es waren mittlerweile knapp eineinhalb Wochen vergangen – hielt ich es nicht mehr aus. Ich schrieb dem Ansprechpartner, ob es denn schon Neues gäbe. „Ja“, meinte dieser. Der Zuschuss sei so gut wie bewilligt. Am Montag würden die Papiere unterschrieben. Es sähe gut aus. Er gebe mir gleich am Montag Bescheid.

Ich grinste von einem Ohr zum anderen. Ich konnte es noch gar nicht glauben: Die Rückreise wurde wirklich greifbarer. Und was mich am meisten glücklich stimmte: Das gefühl, dass der monatelange Schwebezustand endlich ein Ende fand. Endlich ging es voran.

Die Freude hielt das ganze Wochenende. Die Sonne schien und am Sonntag entschloss ich, einen neuen Wanderweg auszuprobieren. Er führte um einen kleinen See in der Nähe, durch Wald- und Mooswege und an pompösen Villengrundstücken vorbei. Auf einer Bank mit Seeblick machte ich Pause und genoß die warmen Strahlen auf meiner Haut.

Da vibrierte das Handy in meiner Jackentasche. Mein Kollege, der wie ich auch nach China zurückfliegen wollte, hatte mir geschrieben: „Schau jetzt auf die Seite von Lufthansa. Im November gibt es einen Flug für 650 Euro nach China. Hin und Zurück. Ich werde ihn gleich buchen.“

Ich blickte verdattert auf die Zeilen. 650 Euro? Das kam mir komisch vor, die Preise, die ich bisher gesehen hatte, lagen bei mindestens 1800 Euro, und auch dann nur mit sehr langen Transitaufenthalten. Ich rief die Seite auf. Und tatsächlich, da war er. 650 Euro mit Lufthansa und Swiss Air, Umstieg in Zürich, gesamte Reisezeit 18 Stunden. Kostenloses Umbuchen inklusive. Ich konnte meinen Augen kaum trauen. Nervös steckte ich das Handy weg und überlegte. Überlegte die restliche Wanderroute, überlegte Zuhause. Rief die Airline an, klärte das Angebot ab. Rief die Botschaft an, klärte die Reiseroute ab. Und dann wägte ich ab. Würde ich diesen Flug buchen, wäre es nicht mehr so wichtig, ob die Uni die Hotelkosten bezuschusste. Bei dem Flugpreis, konnte ich beides bezahlen, wäre so vielleicht auch unabhängiger. Und noch dazu würde ich nicht alleine die Reise antreten, sondern zusammen mit dem Kollegen.

Und so entschloss ich mich zu buchen. Beim Eintippen der Kreditkartennummer zitterte meine Hand vor Aufregung. War es wirklich wahr? Würde ich Anfang November wieder nach China fliegen? Die Buchungsbestätigung kam und alles schien unter Dach und Fach. Schien. Bis zum nächsten Morgen. Montag. Denn da kam alles wieder ganz anders.

Gleich nachdem mein Wecker um 6 Uhr geklingelt hatte, schaute ich hoffnungsvoll auf mein Handy. Ich erwartete die Nachricht meines Ansprechpartners. War der Zuschuss bewilligt worden? Doch ich wurde enttäuscht. Keine Nachricht aus China.

Ich begann meinen Tag mit Yoga, loggte mich um 7.30 Uhr für den Online-Unterricht ein, machte mein Mittagessen und bereitete später den Unterricht für die restliche Woche vor. Es war mittlerweile nach 20 Uhr in China und heute würde sicher kein Bescheid mehr kommen. Ich merkte, wie sich etwas in mir zusammenzog. Eine dunkle Vorahnung machte sich breit.

Auch die nächsten Tage hörte ich nichts aus China. Am Dienstag hatte ich meinem Ansprechpartner erneut geschrieben und vorsichtig nachgefragt, wie die Entscheidung ausgefallen war. Ich war jetzt zwar nicht mehr auf den Zuschuss angewiesen, aber irgendetwas beunruhigte mich an dieser eisigen Funkstille.

Die Woche verging ohne eine Antwort.

Am Freitag hielt ich es nicht mehr aus und schrieb noch einmal, die dunkle Vorahnung im Nacken. Innerhalb weniger Minuten dann die Rückmeldung: „Der Zuschuss ist bewilligt. Kein Problem. Aber wir müssen jetzt noch die Antwort der Uni abwarten.“

Welche Antwort der Uni?, schoss es mir durch den Kopf.

„Die Uni muss noch einwilligen, dass Sie zurück auf den Campus in Ihre Wohnung dürfen. Sie kommen aus dem Ausland und wir müssen erst die Sicherheit prüfen.“

Das war mir neu. Ich dachte, dieser Schritt wäre mit dem neuesten Regierungsschreiben hinfällig. „Wie lange dauert diese Überprüfung?“ , fragte ich.

„Kann ein bisschen dauern. Ich gebe Bescheid.“

Der Raum um mich herum begann sich auf einmal zu drehen. Die Uni hatte noch gar nicht erlaubt, dass wir zurückkommen durften? Davon hatte ich nichts gewusst. Genauso wenig wie mein Kollege, der ebenso verdutzt dreinschaute. Wir konnten nun also offiziell zurück nach China fliegen, aber unter Umständen würden wir an den Toren der Universität abgewiesen? Ich brach auf meinem Stuhl zusammen.

Das Ganze wurde mir jetzt zu viel. Ich hatte gefühlt alles versucht, war seit Wochen, seit Monaten dabei, Wege zu finden, um nach China zurückzureisen. Und nun, so kurz vor dem Ziel, wurden mir erneut haushohe Hürden in den Weg gestellt. Was wollte mir das alles sagen?

Ich begann zu weinen, zuerst wütend, dann frustriert, dann traurig. Ich sah erneut meine Pläne zerplatzen, sah mich innerlich meine Koffer wieder auspacken und sehnsüchtig auf die Landkarte gen Osten schauen.

Ich hatte so sehr gehofft, einen Ausweg aus dem oft schwer ertragbaren Schwebezustand, aus der monatelangen Ungewissheit gefunden zu haben. Ich hatte das Gefühl, endlich wieder ein bisschen Struktur und Sicherheit in mein Leben zu bringen. Und nun hieß es doch wieder: „Gehen Sie zurück auf Los“. Es bliebt mir letztendlich nichts anderes übrig.

Heute, wieder ein Montag, der sich an die großen Ereignistage zu reihen scheint, blicke ich morgens auf mein Handy. Eine Eilmeldung blinkt auf. „Massentests in Qingdao“. Ich öffne den Link, mein Herz klopft. Neuer Infektionsherd in Qingdao gefunden, lese ich, ausgehend von einem Krankenhaus. Alle 9 Millionen Einwohner der Stadt sollen getestet werden, innerhalb der nächsten 3-5 Tage.

Qingdao, die Handelsstadt am Meer, in der ich seit 2019 lebe. Ich denke an meine Kollegen, an die Studenten, an meine Freunde dort. Die letzten Wochen war Normalität in ihr Leben zurückgekehrt, die Fallzahlen lagen konstant bei null, der Unterricht fand fast wieder normal statt. Fast. Nur meine fehlende physische Anwesenheit war Indiz dafür, dass es noch nicht ganz wie zuvor war.

Ich frage mich natürlich auch: Wie wird sich die neue Lage auf die Entscheidung der Uni auswirken? Die Infektionsherde haben ihren Ursprung allem Anschein nach in Rückkehrern aus dem Ausland. Und ich merke, wie ein großer Teil Chinas Angst hat, dass das Virus aus dem Ausland zurückgebracht wird. Von Menschen wie mir. Ich seufze.

Die Ungewissheit. Das Virus. Die Angst. Alles ist noch da. Und auch wenn es kurz absent war, kann es schon im nächsten Moment wieder um die Ecke kommen. Deshalb wird es auch weiterhin schwierig sein, zu planen. In meinem Fall weiß ich nicht, wie sich die Universität am Ende entscheiden wird. Vielleicht dürfen wir zurückkommen. Vielleicht ist das Risiko auch zu groß und eine Rückkehr ist vorerst weiterhin nicht möglich.

Es bleibt ungewiss.


2 Gedanken zu “Ungewissheit

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